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Italienern lernen: doch dieſe wohl noch mehr von uns. Nur aus der Miſchung beider Schulen kann für die Oper etwas ſich mehr der Vollkommenheit Nähern⸗ des, mehr Abſolut⸗Schönes hervorgehen. Mozart und Gluk wußten das!— Jedoch die Form der Stüke iſt ſeitdem anders geworden, die Mittel umfaſſen⸗ der, die Anſprüche größer. Wer weiß es aber heute?— O, über den Jammer! Die beiden mit den größten Gaben für die Tonkunſt beſchenkten Nationen, die Italiener und die Deutſchen, ſtehen ſich in ihren Leiſtungen in dieſer Kunſt wie geſchworne Feinde gegenüber. Wenn das nur wenigſtens zu einem Wetteifer führte! Aber nein: Einer verachtet den Andern.
In Deutſchland iſt man doch wenigſtens ſo gerecht, die Kompoſitionen der Italiener zur Ausführung zu bringen, und die Namen Roſſini, Doni⸗
zetti, Bellini u. ſ. w. ſind doch gekannt. Aber ein großer Theil der deutſchen
Muſiker verwirft die ganze italieniſche Muſik als charakterloſes Gewäſch und Ohrenkizel— und oft haben ſie Recht! Sie urtheilen aber einſeitig, da ſie weder bedenken, wie ihnen dieſe Muſik vorgeſungen wird, noch die Bedingun⸗ gen kennen, die das italieniſche Publikum, für welches doch dieſe Muſik ge⸗ ſchrieben wurde, an eine Oper macht. 5
In Italien iſt es weit ärger: die ganze Nation glaubt, daß nur ſie Opernmuſik machen könne, und daß die Oltramontani Varbaren ſind! Sie wol⸗ len nicht einmal deutſche Opernmuſik auszuführen oder anzuhören verſuchen; Ueberſezungen deutſcher Opern in's Italieniſche exiſtiren. gar nicht und die Namen Beethoven, Weber, Sphor, Marſchner u. ſ. w. ſind ihnen ganz und gar fremd. Was ſie aber von deutſcher Opernmuſik kennen, das verwerfen ſie als unverſtändlich, unmelodiös, unſangbar und Notenexerzitium— und iſt nicht auch hierin einige Wahrheit?— aber auch ſie urtheilen einſeitig, da ſte we⸗ der bedenken, daß ihre Spieler nicht gut genug ſind, um deutſche Muſik aus⸗ zuführen, noch die Bedingungen kennen, die das deutſche Publikum an eine Oper macht. Aber an den Italienern ſchäze ich es eben, daß die ganze Nation daſſelbe Urtheil fällt. Laſſen wir dahin geſtellt, ob es recht oder falſch ſei— es iſt einſtimwig, und jede beſtimmte entſchiedene Richtung iſt ſchon als ſolche zu reſpektiren. Vox populi vox Dei. Ganz Italien will ſolche und keine an— dere Muſik! Wo iſt aber die Gattung von Muſik zu finden, die in Deutſch⸗ land nicht noch ihre Verehrer fände? Unſer Publikum iſt in ſeinem Urtheil und Geſchmak in unendliche Parteien zerſplittert! Die gelehrten Herren Dr. A. und Or. B., die ein großes Wort ſprechen— weil ſie Einfluß haben— wol— len keine Muſik anhören, deren Noten nicht der klaſſiſche Staub wenigſtens einige Jahrhunderte bedekt. Der Major X. liebt den Krieg— alſo müſſen es Fugen ſein! In der That hört er nichts an als Sebaſtian Bach. Eline große Parthei Akademiker will nur Händel; Gluck hat ſein Publikum, Mozart das ſeinige, Beethoven ein großes, Roſſini aber ebenfalls, und die Schneidermam— ſells ſingen alle:„Einſam bin ich nicht alleine“. Iſt das nicht Wahr— heit! Wo aber die Nation in ihrem Geſchmak ſo getheilt iſt, da weiß der Künſtler nicht, wohin er ſich zu wenden hat!
Wenn ein Komponiſt in Italien italieniſch ſchreibt, ſo kann er eines Erfolges ſicher ſein: es lebt kein Italiener, der nicht Roſſini als einen Halbgott verehrt und ſeine Kompoſitlonen für das Schönſte hält, was auf Erden in der Muſik geleiſtet werden könne. Welcher vaterlaͤndiſche Komponiſt hat ſich aber


