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läßt, voll Geiſt, voll Leidenſchaft, voll Zukunft, aber ohne die Zukunft zu kennen— das war Georges Sand oder Madame Dudevant. Das Jahr 1830 verrieth ihm ſeinen Werth und ſeine Kraft. Bei dem Anblik der Ruinen und der Unordnung fühlte ſich Georges Sand als großen Schriftſteller, wie Lafon— talne plözlich, bei der Leſung einer Ode von Malesherbe, als großer Dichter erwacht ſein ſoll. 5 Georges Sand iſt das muthigſte, bedeutungsvollſte literariſche und po— litiſche Kind jener Zeit. Nachdem er von der erſten Ueberraſchung ſich erholt, nachdem ſeine Phantaſie ſich etwas beruhigt, nachdem er Alles geſehen hatte, ging Georges Sand mit ſich zu Rath und dann ans Werk. Er ſchrieb einen Roman in 4 Bänden, mitten unter guten und ſchlechten Gedanken. Als der erſte Roman beendigt war, fehlte der Verleger. Da nahm Georges Sand Stok und Hut, und ging aus, nachdem er ſein langes braunes Haar ſo gut als möglich hinauf genommen hatte. Er fand einen Buchhändler, der, als ihm ein ſo ge— wandter, junger, hübſcher Schriftſteller einen ſchlechten Roman an⸗ bot, der in weniger als vierzehn Tagen geſchrieben ſei, bereit war, die Sache zu unternehmen, und 400 Franks an die 4 Bände die⸗ ſes unbekannten Schriftſtellers zu wagen, 400 Franks für 4 Bände von mir, das iſt viel, dachte Georges Sand, und das Geld des unglüklichen Buchhändlers wurde unter Lachen Stük für Stük in elnen Winkel des Zimmers geworfen. Dieſer erſte Noman:„Rose et Blanche“, gleicht einem Bu— che, das von zwei völlig verſchledenen Verfaſſern geſchrieben iſt, von zwei Schriftſtellern aus ganz entgegengeſezter Schule, die nur der Zufall vereinte die aber ſowohl durch die Gedanken, als durch den Styl verſchieden ſind, und die der ſelbſt nur wenig geübte Leſer nicht mit einander verwechſeln kann. Der Eine iſt klar, korrekt, elegant aber gelaſſen, ſanft, friedlich, redlich, zurük⸗ haltend, und ſcheut ſich vor Allem, was gewagt ſcheint; der Andere dagegen, feurig, überſprudelnd, wagt Alles. Dieſe Verſchmelzung der beiden Natu— ren konnte unſerm Georges Sand aicht lange behagen. Die berühmteſte aller berühmten Frauen, deren Erſcheinung ſelbſt eine Stael umgebracht haben würde, Georges Sand wollte durchaus ein Mann ſein. Es war dies mehr als ſein Ehrgeiz, mehr als ſein Geſchik, es war ſeine Natur. Alles Männ⸗ liche in ihr empörte ſich aufs Höchſte, wenn ſie zufällig, durch die Macht der Gewohnheit, bisweilen wieder ein Weib wurde, wenn ihr Herz ſchlug, wie gewöhnlich ein weibliches Herz ſchlägt, wenn ihre Augen wie die Augen eines Weibes feucht wurden. Dieſe beiden Naturen, welche ſich um dieſes außeror— dentliche Weſen ſtritten, lieferten einander ſchrekliche und wüthende Kämpfe. Dieſer Kampf dauerte lange zwiſchen der Seele dieſes Weibes und dem Geiſte dieſes Mannes. Endlich trug der Mann den Sieg davon, unter der Bedingung, daß er blind den Leidenſchaften des Weibes gehorche. Georges Sand legte ſeine zweite Natur ab, die nicht die ſeinige war, und wurde das, was er ſein wollte, ein Mann mit dem Inſtinkte, der Kunſt, dem Geſchmake und Verſtande einer Frau, mit dem Muthe, der Kühnheit und dem Szeptizismus eines Mannes. Als Georges Sand einmal ſein eigener Herr, ein Mann war, verleugnete er ſeine neue Natur nicht, und ſchrieb nun das Buch eines Mannes:„Indiana“, das, einmal erſchienen, in der Welt großes Aufſehen machte. Nie, ſeit man in Frankreich Romane geſchrieben, ſeit„Gilblas“ u.„Manon Lescaut“ war ein ſo


