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—„Leſen Sie, mein lieber Larrey, ich kann nicht ſehen.“ Larrey erbrach das Billet und las:
„Mein Vetter, ſobald es Ihre Geſundheit erlaubt,
werden Sie abrei⸗
ſen, um das Oberkommando in Portugal zu übernehmen. Bis dahin bitte ich
Gott, daß er Sie in ſeinen heiligen Schuz nehme.
„Ach!“ rief Maſſena, der ſeine
Napoleon.“ Freude kaum verbergen konnte,„er
weiß uns ſtets etwas in die Augen zu ſtreuen.“ — Das war die Urſache, warum Maſſena ein Auge verlor und das Ober⸗
kommando in Portugal erhielt.
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Ansichten. Theater.
Warſcha u. Fräulein Henrlette Carl enthuſiasmirte noch an einigen Abenden die Vewohner von Polens Hauptſtadt in hohem Grade. Am 5. u. 6. März erntete ſie, bei ſtets gedrükt vollem Hauſe, in Szenen aus„Tan⸗ cred“,„den Puritanern“,„Anna Vo⸗ lena“ und„Norma“, einen in den bieſigen Theater-Annalen beiſpielloſen Applaus, u. es war nur zu bedauern, daß zu dieſen Vorſtellungen der groͤßte Theil des Publikums keine Entreebil⸗ lets mehr erhalten konnte, und die Künſtlerin, troz allen dringenden Auf— forderungen, ſchon geſonnen iſt, unſere Hauptſtadt zu verlaſſen. Die War⸗ ſchauer Zeitung v. 7. u. der Courier v. 9. d. M. geben viele Details über die Leiſtungen dieſes ſeltenen Sangtalentes. „Vei jedem Takte,“ ſagt erſteres Blatt unter Anderem,„wußte ſie ihre Mei⸗ ſterſchaft zu bewähren; doch nirgends mehr als am Schluſſe der großen Arie aus dem 2. Akt der„Puritaner“, in den chromatiſchen Gängen, die ſie mit ſolcher Geläufigkeit und Subtilität ſingt, daß ſie mit jedem Inſtrumente in die Schranken treten könnte. Das Publikum war ſo begeiſtert, daß es den Schluß der Szene nicht abwartete, ſondern bei jedem Ruhepunkte, als
Urtheile. Hegebnisse.
Chorus, in lauten Veifallsjubel einfiel, wo dann die Sängerin die Kraft ihrer Stimme ſo glänzend bewährte, daß ihr Ton durch das Fortiſſimo des Orche— ſters, und durch den Beifallsſturm des Hauſes, wie ein klarer Silberton durchdrang.“—„Ich habe,“ ſagt ein hieſigee Kunſtdilettant,„die berühmte Paſta in der Scala zu Mailand drei⸗ zigmal gehört; ſie war die erſte, wel⸗ che daſelbſt in dieſem Part debutirte. Fräulein Carl erinnert mich lebhaft, durch Anmuth, Sicherheit und Kraft ihres Geſanges, an jene große Sänge— rin, und wäre ſie zur Zeit Bellinis in Paris geweſen, ſo hätte der gefei— erte Maeſtro nicht zu bedauern gehabt, ſeine„Norma“ aus Mangel einer Pa⸗ ſta nicht geben zu können.“— Wir geben als literariſche Seltenheit die Ueberſezung einiger Ghaſelen, die ein hier anweſender junger Perſer, welcher der Vorſtellung der Norma durch Fräul. Henriette Carl beiwohnte, von ihrem Geſang begeiſtert, in perſiſcheeer Sprache dichtete:
„Der Sängerin.
Wie der Schwan über die vom Abendroth beleuchtete Fluth dahin gleitet, ſo ſchwebſt du durch das Reich der Töne.— Wie die Lerche, von ihren Fittigen gehoben, in der Luft ſich wiegt, ſo trägt dich ſin— gend dein Gefühl in ein reineres Ele— ment.—


