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wir an einander vorbel mit einem Kompliment, wie es bie Sitte mit ſich bringt. Ich hatte die Thäre erreicht, und war im Begriff, einzuſteigen, als mir der Gedanke kam, daß der VBeſuch mir gelten könnte. Unter dieſen Ge— danken wartete ich, um zu ſehen, ob der Beſucher bis zu unſerem Stokwerke hinaufſteigen würde. Während dieſer Zeit hatte ich nicht die entfernteſte Ver⸗ muthung, wer er wäre, obgleich ich mir einbildete, daß ſein Geſicht und ſeine Geſtalt mir bekannt wären. Der Fremde ſtieg langſam die breite ſteinerne Treppe hinauf, mit der einen Hand auf das eiſerne Geländer, mit der andern auf ſeinen Stok ſich ſtüzend. Er war auf dem erſten Nuheplaze, als ich ſtehen blieb, und indem er ſich gegen die nächſte Treppe wendete, begegneten ſich unſere Blike. Der Gedanke, daß ich die Perſon ſein könnte, welche er ſuchte, ſchien ihm jezt erſt einzufallen. 5
— Est-ce Mr.— qua j'ai I'honneur de voir? fragte er franzöſiſch und mit nur leidlicher Ausſprache.
f— Monsieur, je m'appelle.
— Eh bien, donc, je suis Walter Scott. f
Ich ſprang hinauf zum Ruheplaze, ſchüttete ihm die Hand, welche er mir herzlich entgegenſtrekte, und gab ihm meine Gefühle zu erkennen für die Ehre, welche er mir erzeigte. Ich erſah aus ſeiner Unterhaltung, daß die Fürſtin ihr Wort gelöſt hatte, und da es ihr gelungen war, ſeiner habhaft zu werden, ſie die Güte gehabt hatte, ihm meine Adreſſe zu geben. Um allen Zeremonien zuvorzukommen, war er von ſeinem Hötel zu meiner Wohnung gefahren. Dieſe ganze Zeit über ſprach er franzöſiſch, während meine Antwor— ten und Bemerkungen in engliſcher Sprache waren. Plöhzlich ſich beſinnend, ſagte er:
— Nun, da habe ich mit Ihnen die ganze Zeit parlevouſirt, ohne Zwei— fel auf eine Art, um Sie in Verwunderung zu ſezen, aber dieſe Franzoſen haben meine Zunge ſo an ihr Rothwälſch gewöhnt, daß ich zur Hälfte meine eigene Sprache vergeſſen habe.
Als wir die nächſte Treppe hinaufſtiegen, nahm er meinen Arm an und ſezte die Unterhaltung in engliſcher Sprache fort, indem er mit mehr Beſchwer⸗ lichkeit ging, als ich erwartet hatte. Sie werden mir meine Eitelkeit ver— zeihen, daß ich Ihnen die folgende Bemerkung, welche er machte, wiederhole, welches ich in der Hoffnung thue, daß einige unſerer ausgezeichneten Gelehr— ten erfahren möchten, auf welche Art ein Mann von wahrem und geſundem Gefühl einen Zug anſteht, welchen ſie als unpaſſend brandmarken zu dürfen glausten. 1 1518
— Ich will Ihnen ſagen, was mir am beſten gefällt, fuhr er plözlich fort, und das iſt die Art, mit welcher Sie bei jeder paſſenden Gelegenheit die Ueberlegenheit Ihres Vaterlandes vertreten, ohne zu gemeiner Schmähung des unſrigen herunterzuſteigen. Sie ſind verpflichtet, die zwei Nationen in Kol— liſion zu bringen, und ich achte ihre edeldenkende Feindſeligkeit.— Ich fürchte, die Mutter hat die Tochter nicht immer gut behandelt, fuhr er fort, vielleicht weil ſie etwa Eiferſucht über ihr Wachsthum fühlte; denn obgleich wir hoffen, daß England noch nicht begonnen hat, an der ſchlechten Seite herabzuſteigen (ſeinem Untergang entgegenzuſchreiten), ſo haben wir doch eine Ahuung, daß es den Gipfel ſeiner Leiter erreicht hat.


