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nach der Stunden Wechſel fragten wir kaum. Jezt— o, wie bebächtig!— Wir denken an wohlberechnete Mäßigung und daß wir morgen Kopfweh haben können und daß Punſch mit abgeriebenen Zitronen ſchädlich iſt.— Wir machen lange Pauſen, ernſthafte Geſichter, kritiſche Mienen, philoſopbiſche Gloſſen und ſind billig denkend genug, die Freuden Anderer nicht zu ſtören.
Sonſt, meine Freundin! waren wir bei Wenigem oft ſo reich,— jezt ſind wir bei Vielem oft ſo arm. Sonſt konnte uns ein ganz einfaches Lledchen, etwa zur Guitarre geſungen, ein gut ausgeſonnener, wenn auch nicht gerade geiſtreicher Spaß, ein zierliches Vlumenſträußchen, ein neues Kleidungsſtük, ein Brief des Freundes aus der Ferne,— tauſend Kleinigkeiten konnten uns ſonſt entzüken. Oder ſoll ich Sie erinnern an alle jene ſtillen, aber ſeligen Genüſſe, wann wir Sonntags in der Frühe unſere Blumen begoſſen, während die Kirchengloken läuteten, wann wir Abends auf der ſteinernen Bank vor der Hausthüre ſaßen, während der Mond die Häuſer und Dächer vor uns be⸗ ſchien,— oder auch an jene Luſt, wann es Oſtern geworden war, oder wann um Pfingſten die Kaſtanien blühten, wann wir in den Wald hinausgingen, um Maiblumen zu ſuchen, oder wann ein geſelliges Spiel, das auf Pfänder und Küſſe hinauslief, uns vereinigte? Jeder Menſch hat ſein eigenes Muſeum der Erinnerung, in welchem er ſo gerne herumwandelt und die blaßrothen Vorhänge an den Bildern hinaufrollt; jeder Menſch hat ſeine ſchönen Tage von Aranjuez, die nun zu Ende ſind; jeder Menſch hat ſeinen Mai und—
„des Lebens Mai blüht ein Mal und nicht wieder.“
Sonſt und jezt— o, zwiſchen dieſen beiden Wörtchen liegen kaum zehn Jahre, nur wenig Zeit, aber gar viel andere Dinge, tauſend ernſte, uns enttäuſchende Lebenserfahrungen, tauſend Opfer und Entbehrungen, tau⸗ ſend wechſelnde, rauhe Ereigniſſe, der ganze Detailhandel des nüchternen Be— rufes, viel Thränen, viel bitterer Irrthum, viel aufgeſpeicherte Weisheit, viel verſtorbene Ideale, viel früh verblichene Hoffnungen! Sonſt und jezt!— Die Sonne nicht, aber unſer Blut iſt kälter geworden, die Welt nicht, aber unſere Augen ſind trüber geworden. Der gute Hölly hat geſagt:
a„Noch rinnt und rauſcht die Wieſenquelle Noch iſt die Laube kühl und grün, Noch ſcheint der liebe Mond ſo helle, Wie er durch Adams Bäume ſchien.“
Ja, das Leben, die Natur werden nicht alt, aber es altern die Leben⸗ digen, und die Jahre, das ſind die Cherubimen mit dem feurigen Schwerte, die uns aus dem Paradieſe vertreiben. Nun, meine Freundin, widmen Sie dieſen Erinnerungen eine Thräne der Rührung und leben Sie wohl!—
Pariſer Gerichtsſzene.
Der Präſident zu dem Angeklagten: Ihr geſteht alſo ein, dieſe Stiefel geſtohlen zu haben?
Martin!: Ja, Herr Präſident; aber auch Schuhe habe ich geſtohlen.
Präſident: So, alſo Ihr habt auch Schuhe geſtohlen?
Martini: Ja, mein Herr, und auch Ueberſchuhe.
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