Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
178
 
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ſo ſchön? Nach Tiſch, wenn wir unſer regelmäßiges Mittagſchläfchen ge⸗ macht haben, kleiden wir uns ganz bedächtig an, um unſeren bedächtigen Spa zirgang zu machen. Wir gehen langſam, damit wir uns nicht erhizen, blei⸗ ben hübſch in der Ebene, unterhalten uns recht verſtändig, grüßen alle Vor⸗ übergehenden ſehr verbindlich, denken bald an die Einkehr, um einen guten Kaffe zu trinken, ziehen eine ſehr praktiſche Parallele zwiſchen Stadt und Land, finden das ſchöne Wetter allerliebſt und das Betragen der jungen Leute dort, die ſo laut lachen und ſogar die Röke ausgezogen haben, etwas unanſtändig. Wir ſind übrigens ganz vergnügt, und rechnen nach, daß wir gerade 10 Jahre, 4 Monate) Tage 12 Stunden und 223 Sekunde älter geworden ſind.

Son ſt, meine Freundin! ſonſt, wie anders.

Wenn wir ein neues Buch laſen, welche Schwärmerei lag uns darin! Was der Dichter nur immer träumen konnte, erſchien uns wahr; die Gebilde ſeiner Phantaſie rükten uns ſo nahe, daß ſie mitten in unſerm eigenen Leben ſtanden; Täuſchung und Wahrheit floſſen zuſammen; nichts war ſo wunderbar, ſo groß oder ſo edel, daß wir nicht daran geglaubt hätten; wir verwechſelten Räume und Zeiten und waren verbrüdert und vereint mit Helden und Göt tern. Jedes neue Buch bereitet uns einen Feiertag, ein Feſt aller Seligen. Romeo und Julie, Haulet und Ophelia, Carlos und Poſa, Egmont und Klärchen, Laura und Leonore, Titan und Diana, was waren ſie uns für er⸗ habene, für heilige Geſtalten! Unſer Herzblut hätten wir für ihre Dichter hingegeben und unſere Blutverwandte waren uns nicht lieber als ſie. Wir konnten uns damals ſo in ein Buch hineinleſen, daß wir die ernſtliche Wirk lichkeit bis auf die Erinnerung vergaßen; wir konnten jubeln und weinen, hoffen und erlangen, lieben und zürnen, glauben und vertrauen, als ſei uns Alles ſelbſt begegnet; ein einziger ſchöner Vers konnte uns Tage lang begei⸗ ſtern und ein großes Gefühl trieb unſere Bruſt gewaltig auseinander. O, meine Freundin, das waren Täuſchungen, aber ſie waren erhaben, edel, herrlich! Was wir Großes gewollt, das wor eine Wahrheit für unſer Herz, ein Evan geltum für unſern Glauben! Jezt leſen wir noch mit Vergnügen, aber wir leſen gar verſtändig, verlieren uns in Diſputationen über die Tendenzen des Verfaſſers, über die Eleganz des Styles, über die Haltung der Charaktere und über hundert Nebendinge. Ein unreiner Vers kann uns am Schönſten irre machen und nach jeder Seite halten wir ein, um auf das Geleſene einen kritiſchen Rükblik zu werfen. Der ſchwärmeriſche Glaube iſt dahin und die überſtrömende Begeiſterung auch, wo wir, wie Vörne geſagt hat, vor einem Iffland'ſchen Hofrath noch ſo herzlich weinen konnten. Sind die Bücher nicht mehr ſo ſchön, wie ſie ſonſt waren, gibt es keine ſo goldenen Verſe mehr, oder liegt der ganze Unterſchied in den wenigen zehn Jahren, welche ſeitdem verfloſſen ſind, in den zwei Wörtchen Son ſt und Jezt? a

Sonſt, wie wonnevoll leerten wir den Becher des Lebens! Welch' eine Luſt war es, einen Ball mitzumachen! Der Saal kam uns vor, wie ein Feen⸗ ſaal; auf allen Geſichtern lag ein höherer Glanz und die Gewänder der Tu genden rauſchten anders, als jezt; beſchwingt ſchienen unſere Füße und der Kronleuchter kam uns vor, wie eine Sonne aus einer ſchönern Welt; die Mu⸗ ſik bezauberte uns ſo gewaltig, wie ein Oberonshorn, und alle Lebensgeiſter wa ren geſteigert; in ſeligem Taumel vergaßen wir alle Sorgen, alle Noth und