Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
177
 
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Kunst, Eleganz und Mode.

Vebuler Sehr gaug.

23. Mittwoch, 22. März. 1837.

Son iſt u n d J eizen

Von Wilh. Wagner. a 7

Sagen Sie, meine liebe Freundin, iſt denn die Welt wirklich ſo ſchön nicht mehr, als ſie ſonſt, etwa noch vor zehn Jahren, war? Von vielen meiner Freunde und Bekannten hörte ich klagen, daß die Welt häßlicher geworden ſei. Scheint die Sonne nicht mehr ſo warm, als ſonſt, und gibt es keine ſo fröhlichen Herzen mehr? Sieht der liebe Mond anders aus, anders das Mor⸗ genroth, anders ein jungfräuliches Angeſicht? Oder liegt es vielleicht an un⸗ ſern Augen, mit denen wir ganz anders ſehen? Liegt der Unterſchied in den zehn Jahren etwa, die wir älter geworden? Antworten Sie mir! Sonſt und Jezt welche Kontraſte, und doch nur liegen die wenigen Jahre dazwiſchen. 3 1 a f a 5

Son ſt, wenn ein ſchöner Sommertag uns erſchien, eilten wir früh

hinaus mit den erſten Lerchen, mit den erſten Roſen des Frührothes. Wie we

hete uns damals die Morgenluft ſo balſamiſch an und wie romantiſch glüheten alle Berggipfel! Lag doch im Waldſchatten ein ſo beſeligendes Gebeimniß und in allen Blumen der Au eine ſo poetiſche Bedeutung! Wie entzükeud kam es uns vor, wenn wir an der ſprudelnden Quelle lagen und in die grüne Blät⸗ terfluth aufſahen! Wir ſchwärmten in ſeliger Naturbeſchauung den ganzen, langen Sommertag hindurch.

Abends tanzten wir mit den Dorfbewohnern unter der Linde und ihre ſchlichte Tanzmuſik entzükte unſer Herz. Wir lebten ein idylliſches Leben, ein reizendes Daſein. Verauſcht von Wonne kehrten wir ſpät erſt heimwärts. Da ſangen die Nachtigallen im Buſch, da hörten wir den Nachtwächter auf ſeinem Horne blaſen, da rauſchte der Nachtwind in den Bäumen, da grüßten uns die goldenen Sterne, da träumten wir von Liebe, von ewiger Treue, da o ich darf nicht weiter ſchreiben. Und jezt? Iſt der Sommertag nicht mehr