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methut mit weißen Reiherfedern und einen dunklen Boa um bie Alabaſter⸗ Schulter, der ſich auf dem Naken wiegt, wie eine ſchwarze Schlange auf wei— ßen Lilienkelchen. Sie war reizend ſchön und wußte mit Auge und Mund an ſich zu ziehn. In Geſellſchaft bewegte ſie ſich leicht und entzükend, wie der ſchönſte morgenländiſche Traum und ſang italieniſch, wie eine Sirene.
Zwei junge Herren aus dem Hauſe, ihrem Logis gegenüber, geriethen wegen ihr in Streit. Es waren Leute von etwa zwanzig Jahren und Camilla zählte ſchon vierundzwanzig. Sie gab viele Rendezvous; auch jenen Beiden hatte ſie welche im Wildgarten zugeſagt. Unglüklicher Weiſe beſtellte ſie Beide zu einer gleichen Zeit in den Wildgarten; es geſchah aus Vergeßlichkeit!
Sie traf Beide auf dem beſtimmten Plaze. Jeder wollte ſein Recht gel— tend machen; es kam zu heftigem Wortwechſel, endlich zu blutigem Klingen— wechſel. Schade um die bildſchönen Herren! der Marquis U. und der Vicom⸗ te Z.— Beide liebenswürdige Männer! i
Das Duell fand wirklich Statt. Der Vicomte fiel darin und blieb todt auf dem Plaze.
Camilla ſah ſeine Leiche und lachend gab ſie dem Marquis eine Haar⸗ loke.———
Camilla verſchenkte noch lange ihre Haarloken, bis endlich an ihr ſelbſt kein gutes Haar war.
Die Zeit metamorphoſirte die ſchöne Geſichtslarve in eine häßliche; Krank⸗ heit hatte den Samen dazu geſäet. 1 5
Die einſt angebetete Kokette ſtarb im Alter von vierzig Jahren, aus, geſtoßen aus der menſchlichen Geſellſchaft der Reinen, einen elenden Tod im Spittel. Rudolf Hirſch.
Die Verbrecher in Sibirien. (Nach Stepanow.)
Die Abſendung der von den ruſſiſchen Gerichten verurtheilten Verbre— cher in zuſammengeketteten Zügen nach Sibirien erfolgt immer dann, wenn man einige Hunderte beiſammen hat. Eine Abtheilung Militair muß ſie bis zu ihrem Beſtimmungsort begleiten; auch wird eine gewiſſe Anzahl berittener Koſaken zur Verfügung des den Transport befehligenden Offiziers geſtellt. Die Marſch- und Raſttage, ſo wie die Zeit der Ankunſt des Transports an den Etappenpläzen, ſind ſo genau beſtimmt, daß auch nicht einmal eine Ver⸗ ſpätung von einigen Stunden ſtattfinden darf. Die größte Ordnung berrſcht auf dem Marſch, und die Truppen der Eskorte ſind der ſtrengſten Disziplin unterworfen. Zu Krasnojarsk, dem Hauptort der Provinz Jeniſeisk, muß der Transport ſtets am Mittwoch eintreffen. Hier werden die in der Provinz zu vertheilenden Verbrecher von den übrigen ausgeſchieden und dann geht der Zug weiter nach Irkutsk, wo über die Beſtimmung der andern noch übrigen ent— ſchieden wird. Die Einen werden in Rußland entweder zu ſchwerer Arbeit auf Lebenszeit oder auf einen gewiſſen beſtimmten Zeitpunkt verurtheilt, An⸗ dere aber als Koloniſten an den Ort ihrer Verbannung geſchikt. Die erſtere Strafe wird nur über ſchwere Verbrecher verhängt, die dann unter harter Zucht in den Bergwerken oder Fabriken arbeiten müſſen. Jene, welche nur


