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„nehmet dieſe beiden vollkommen ſchönen Schneidezähne, die ich mir ſo eben ausgenommen, tragt ſie geſchwind zu einem Zahnarzt; er wird euch mit Ver⸗ gnügen zwel und einen halben Shilling für das Stük zahlen. Dies wird mehr als hinreichend ſein, um meine Geldſtrafe zu erlegen, und den Reſt be— haltet für eure Mühe.“ Den Polizeibeamten, dem ſolcher Fall wohl noch nicht vorgekommen war, rührte ein ſo ſtandhaftes Benehmen, er bezahlte die Geld— buße für den Inkulpaten und entließ ihn mit dem unverkümmerten Ertrag ſei— ner ſchmerzlichen Operation.
Eine Myſtifikation des Gerichts.
Im Anfange des Januars hörten zwei Reiſende, als ſie vor dem Gute Cenreguat(im Dep. Ariege) vorübergingen, Klagetöne. Sle traten aus Neu— gierde in das Haus hinein, und erblikten zu ihrem Schreken einen alten Mann, der geknebelt auf einem Tiſch lag. Neben ihm war eine junge Frau an dem Tiſche gebunden und in einer Kammer daneben ein junger kräftiger Mann gefeſſelt. Allem Anſcheine nach waren die drei Unglüklichen nach einem hartnäkigen Kampfe überwunden worden. Ihre Kleider waren zerriſſen und man bemerkte an ihnen mehrere Wunden. Uebrigens ergab ſich nichts Auffal⸗ lendes im Hauſe, bis auf einen zerbrochenen Fenſterladen, den die Uebelthä— ter wahrſcheinlich zerbrochen hatten, um in das Haus hineinzugelangen. Nach—
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dem die Reiſenden die Feſſeln der Unglüklichen gelöſet, fragten ſich nach den
Umſtänden des Verbrechens, und der alte Mann erzählte, er ſei früh um zwei Uhr durch ein Geräuſch an der Thüre gewekt worden, und auf ſeine Frage habe eine Stimme geantwortet.„Aus Varmherzigkeit macht auf; iſt ſterbe vor Froſt; erlaubt mir, mich einen Augenblik zu wärmen.“ Ein ſolches Ge⸗ ſuch zu dieſer Stunde ſei ihm verdächtig vorgekommen, und er habe ſich ge⸗ weigert, aufzumachen. Einen Augenblik darnach habe ſich das Geräuſch erneuert, und es ſei ihm geweſen, als rüttele man heftig an dem Fenſterladen. Darauf ſei er aufgeſtanden, habe ſeinen Sohn und ſeine Schwiegertochter gewekt und ſich dahin begeben, wo er das Geräuſch gehört; aber kaum habe er ein paar Schritte gethan, als ihn ein Unbekannter im Finſtern an der Kehle gefaßt und gedroht habe, ihn zu erwürgen, wenn er einen Laut von ſich gebe. In demſelben Augenblike ſei die Thüre aufgegangen, und es wären neun Männer nach einander hereingekommen. Der erſte habe in der linken Hand eine Blend— laterne, in der rechten einen großen Säbel gehabt. Die Andern wären nur mit Stöken bewaffnet geweſen und hätten ſich das Geſicht verbunden gehabt. Der Mann mit dem Säbel ſei zu ſeiner Schwiegertochter getreten, und habe gedroht, ihr den Kopf herunter zu ſchlagen, wenn ſie nicht alles Geld im Hauſe herausgebe. Sie habe den Schlüſſel zu einer Schranke hergegeben; die Räu⸗ ber hätten ſich darauf einer Summe von 2500 Frks., ſo wie der Wäſche bemäch— tiget, ſie alle Drei geknebelt und ſich dann entfernt.
Die RNeiſenden hörten dieſe Erzählung theilnehmend an, tröſteten die Familie und beklagten ſie von Herzen. Bald wurde der Friedensrichter von dem Vorfalle benachrichtiget; die Gensd'armerie und die ganze Polizei des Bezirkes kam in Bewegung. Die Familie wiederholte die Erzählung, die man eben geleſen hat, und unterzeichnete das Protokoll. Dies wurde dem königl.


