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Ich muß ſie ſehen! ſchrie ich wie ein Wahnſinnkger auf, faßte krampfhaft ſeine beiden Hände und bat ihn um ſeiner Seligkeit willen, mich zur Leiche zu führen.
Bald ſtand ich unter der weinenden Familie und ſtarrte in das Antliz der Todten, die in ſeliger Ruhe vor mir lag.
„Ich kann es mir nicht erklären, was hier vorgegangen iſt“— ſprach langſam und gedehnt mein Kollege, indem er ſeine Doſe hervorholte.—„Aber etwas Außerordentliches muß es ſein, was dieſe tödtliche Kriſis bei der Ver⸗ blichenen herbeigeführt hat, die ich erſt heute früh in völliger Rekonvalescenz verlaſſen habe.“— Hier verneigte er ſich und ging.
Die Stimme des Stadtarztes war gegen das Ende ſeiner Erzählung et— was ſchwankend geworden. Jezt griff er nach Hut und Stok, wandte ſich an ſeine Zuhörer, die ſich noch immer nicht von ihren Pläzen k regten, und ſprach:
„Das Schikſal ſpielt oft wunderbar mit dem Herzen des Menſchen. Je— ner unglükliche Arzt, der die Geliebte niemals geſprochen hat,— bin ich.“
Er verließ ſchweigend die Geſellſchaft. L. Koßarski.
Tragikomiſcher Rechtsfall.
Unter den tauſend und abertauſend Rechtsfällen, womit Jahr für Jahr die europäiſchen Polizeigerichtshöfe ihre Annalen füllen, kommen allerdings häufig recht ſpaßhafte Geſchichten, allein ſeltner ſolche vor, in denen Scherz und Ernſt ſo ſeltſam durcheinander greifen, daß man nicht recht weiß, ob man mehr lächeln oder gerührt werden ſoll. Hier iſt ein ſolcher auserleſener Fall. Patrick O' Rourke, ein Irländer und noch überdies ein recht origineller Irlän— der, wurde vor das Polizeibureau von Hattongarden in London geſtellt, um ſich deswegen darüber zu verantworten, daß er in Broadſtreet, vor meh— reren Hundert Zuſchauern und Zuhörern O'Connell öffentlich zum König von Irland ausgerufen hatte. Der Arreſtant führte zu ſeiner Entſchuldi⸗ gung an, daß ihn zu dieſem Benehmen nicht ſowohl die Sache ſelbſt, als eine beträchtliche Quantität Whisky begeiſtert hätte, die er zum Frühſtük zu ſich genommen. Die Magiſtratsperſon fragte nach dem Geſchäft des Inkul— paten. Derſelbe geſteht, daß er ſo ein Stük von einem Zahnarzt ſei und be⸗ reits zu Cork in Irland keine üble Praxis gehabt, auch gegenwärtig noch im Kirchſpiel von St.⸗Giles ſich einiger Kunden erfreue.„Nun, ſo wird es euch,“ bemerkte der Richter,„unſtreitig nicht ſchwer fallen, die Strafe von fünf Shilling zu erlegen, zu welcher ich euch wegen Trunkenheit verurtheilen muß.“ Patrick O'Rourke wendet alle Taſchen um.„Beim heiligen Patrick, meinem Namensvetter, ruft er aus, es iſt lange her, daß fünf Shill inge und ich zu— ſammen unter einem Dache gehauſt haben.“ Aus Rükſichten auf dieſen Um— ſtand reduzirt nun der Beamte die Geldbuße auf einen Shilling, allein da er auch dieſen nicht auftreiben kann, ſo muß der arme Teufel von Zahnarzt ins Gefängniß wandern. Nach einer Viertelſtunde meldet der Gefängnißwärter dem Beamten einen ſeltſamen Umſtand. Er war zu dem Gefangenen gekommen und hatte dieſen mit ganz blutigem Munde gefunden. Als er ihn nach der Urſache fragte, zeigte ihm O'Rourke zwei Zähne:„Hier, Freund,“ ſagte er,


