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Veſuch zu machen; Ich hatte Eile damit, denn meine Abweſenheit aus dem Orte meines Berufes ſollte nur wenige Tage währen. Es mochte ungefähr Mittagszeit ſein, als ich ganz erſchöpft nach Hauſe kehrte; hier trat mir gleich mein Wirth mit einem Briefe an mich entgegen.
„Von der Geheimeräthin drüben“, ſprach er mit wichtiger Miene.
Da ich vor Schreken nichts erwiderte, fuhr er fort: 5
„Sie waren heut früh noch nicht lange ausgegangen, als einer ihrer Vedienten herüber kam und im Namen ſeiner Herrſchaft fragte, wer der Herr ſei, der das Zimmer jezt bezogen habe, eine Viertelſtunde nachher brachte er dieſen Brief“
Meine Hand zitterte, meine Füße verſagten mir; er mußte glauben, ich erwarte noch etwas, daher ſprach er weiter:
„Wahrſcheinlich will man Ihren ärztlichen Rath in Anſpruch nehmen; die Tochter der Geheimerät hin, eine bildſchöne junge Frau, iſt ſchon ſeit län— gerer Zeit krank. Es iſt aber auch kein Wunder, ſie hat erſt vor wenig Mon— den ihren Mann verloren. Da ſie kinderlos iſt, ſo kam ſie nach dem Tode des Leztern wieder in das Haus ihrer Mutter zurük.“
Ich wankte nach meinem Zimmer.
Ehe ich noch den verhängnißvollen Brief erbrach, eilten ſchon meine Blike nach dem Fenſter hinüber: Heiliger Gott! ſie war es!— Sie mußte, hinter der Gardine verborgen, auf meine Heimkunft gewartet haben, denn als ich vorher in mein Haus trat, hatte ich drüben Niemanden geſehen. Ihr Auge war feſt auf mein Fenſter geheftet. Unſere Blike begegneten ſich;— zwei Blize, die ſchon einmal gezündet. Eine Purpurröthe hatte ihre bleichen Wan— gen, wie es ſchien, plözlich übergoſſen; ſie war krank, doch ſchön wie in den vergangenen Tagen unſerer jungen Liebe. Sie trug wieder das dunkelblaue Kleid und den glatten Scheitel; ſie wußte wohl, daß ich ſie ſo immer gern geſehen hatte,— in der Hand hielt ſie eine Immortelle. Nachdem ich lange im ſtummen Entzüken geſtanden hatte, beſann ich mich und entfaltete den Brief; ihre Blike folgten ängſtlich den meinen beim Leſen deſſelben. Er ent— hielt nur wenige Zeilen; ſie lauteten:
„Wenn Sie noch der Alte ſind, ſo kommen Sie bald zu mir; ich erwarte Sie ſehnlich. Roſalie.“ Ich preßte die glükverkündenden Schriftzüge an meine glühenden Lippen und verharrte lange im Anſchauen des theuren Namens, den ich zum erſten Male laß; als ich wieder hinüberblikte, ſah ich, daß ſie ohnmächtig vom Fen— ſter geführt wurde.— Ich kleidete mich ſchnell um, ſuchte meine wirren Sinne zu ſammlen und ſtürzte hinüber.. Das ganze Haus ſchien in Aufruhr gerathen zu ſein; Bediente und Mägde eilten an mir vorüber, ohne mich zu bemerken. Endlich ſtieß ich auf einen ſchwarzgekleideten Wann, der eben mit kalter und bedächtiger Miene das Haus verlaſſen wollte; ich erkannte ohne Mühe in ihm einen meiner Kol⸗ legen. Auf meine haſtige Frage, wie ſich die verwittwete Tochter der Ge— heimeräthin befinde, und ob ich ſie nicht ſprechen könne, erwiderte er troken, indem er den Weg fortſezen wollte:
5 umen einige Minuten zu ſpät; ſie iſt ſo eben verſchieden.“


