Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
162
 
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Eine nothwendigr Amtsreiſe führte mich nach der Hauptſtadt. Mit den ſonderbarſten Empfindungen betrat ich ihre Straßen. Was hatte ich Alles erlebt ſeit jener Zeit, wo ich ſie zum erſten Male durchwanderte! Troz der alten Erinnerungen, die nun in meinem Herzen erwachten, ſchien es mir doch, als wenn in den wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert verfloſſen ſei; nichts als fremde Geſichter eilten an mir vorüber, nur die Häuſer ſchienen mir, gleich alten, lieben Bekannten, freundlich zuzuniken, ſich über meinen trüben An blik zu wundern, und mir Vorwürfe zu machen, daß ich ſie, als ich ſo glük⸗ lich war, verlaſſen hatte.

Unwillkührlich trugen mich meine Füße nach der Straße und dem Hauſe, wo ich einſt ſo überſelige Tage verlebt hatte. Ohne es zu wollen, trat ich in die Stube des Hausbeſizers und beſann mich erſt, als er nach meinem Begeh⸗ ren fragte. Um mich von meiner Verlegenheit zu befreien, erkundigte ich mich, ob er nicht ein Zimmer zu vermiethen hätte; der Zufall wollte eben, daß dies wirklich der Fall war und zwar gerade daſſelbe Zimmer, in welchem ich einſt als Student ſo ſonderbare botaniſche und phyſikaliſche Experimente gemacht hatte. Wie ward mir, als ich die Schwelle des lieben Stübchens betrat! Ein Sturm von Gefühlen überfluthete mein beengtes. Herz; eine tiefe Betäu bung umfing mich während welcher jene Zeit an meinem Geiſte vorüberrauſchte, die mir in meinem ganzen Leben unvergeßlich bleiben wird. Nach und nach fühlte ich mich wieder meiner Sinne mächtig; ich eilte zum Fenſter und ſtarrte hin über. Blumen lachten mir entgegen, Anemone und Immortellen: Hoffnung und ewige Liebe, theure Bekannte aus alten Tagen; wer ſie an das Fenſter geſezt, war mir gleich, ich mochte gar nicht fragen, was ich gegenüber für Nachbarn habe. So ſaß ich wieder, wie einſt, mehrere Stunden am Fenſter, in tiefes Sinnen verloren. Der Sonne lezte Strahlen ſpielten auf die Schei⸗ ben und erhellten mein Zimmer, das bereits dunkel zu werden anfing:

Ihr gold'nen Abendflammen Gleicht meinem Jugendglük, Ihr warfet mir, noch ſcheidend, Den lezten Blik zurük!

Es war Nacht geworden. Mein aufgeregtes Gemüth erlaubte mir nicht auszugehen. Ich warf einen Blik über die Straße und bemerkte, wie drüben ſchon die Jalouſieen von einer fremden Geſtalt herabgelaſſen wurden. Ich ſezte mich hin und blätterte in dem Büchlein meiner Erinnerungen; meine Blike weilten lange auf den vertrokneten Zitronenblättern, die ſiſe vor zwei Jah⸗ ren an die Fenſter des Gaſthofs meines Wohnortes, vor ihrer Abreiſe von dort, befeſtigt, und die ich als Reliquien zwiſchen den Blättern des Buches aufbewahrt hatte. Mit jeder umgeſchlagenen Seite trat ein anderes Bild vor meine Seele, und in wenigen Stunden durchlebte ich wieder ſechs entſchwun dene Jahre meines Lebens. Gedankenvoll trat ich an das Fenſter und klebte mechaniſch halb willenlos die morſchen Zitronenblätter, wie einſt, als ich die Hauptſtadt für immer verließ, an die Scheiben; gedankenvoll warf ich mich in die Arme des Schlummergottes, der erſt ſpät eine milde Hand auf meine

den Schläfe drükte und meinen Schlummer mit ſeltſamen Traumbildern umwob.

Am Morgen früh, drüben waren die Fenſtervorhänge noch geſchloſſen, verließ ich das Haus, um oerſchiedenen hohen Medizinal-Veamten meinen