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im Traume mit ſeinen Blumen ſprach und halb bewußtlos nach dem Gaſthoſe
binüberſtarrte, durchrieſelte ein freudiger Schreken ſeine Glieder. Er drükte
die Augen zu und wagte es lange nicht, ſie wieder zu öffnen, aus Furcht,
daß das Bild, welches er drüben am Fenſter erblikt hatte, wieder ſchwinden
8 möchte. Es ſchwand aber nicht;— ſie war es. Sie hatte früh ſchon ihr ger verlaſſen und ſtand, mit einer Blume ſpielend, am Fenſter; wie er
8 n ſüße Träume verſunken, ſtarrte ſie nach dem Hauſe gegenüber. Jezt begeg— neten ſich ihre Blike. Ich überlaſſe es Ihnen, in Ihrer Seele das auszuma— len, was die Beiden im erſten Augenblike des unverhofften Wiederſehens em— pfunden haben. Eine Zeitlang ſtanden ſie wie vom Blize getroffen, bis ſich endlich ihr Gefühl in einen freudigen Gruß löſte, den ſie zu gleicher Zeit einander zunikten. Je mehr aber die Freude des Arztes ſein Angeſicht ver— klärte, um ſo mehr verdüſterte ſich nach und nach das ihrige und wurde von einer Wehmuth umzogen; was jedoch der Ueberglükliche kaum bemerkte. Sie mochten wohl lange ſo geſtanden und Einer in dem Anblike des Andern ge— ſchwelgt haben. Die Straße hatte ſich belebt, das Vorzimmer des Arztes mit Leuten gefüllt, die ſeine Hülfe in Anſpruch nehmen wollten; drüben mag auch wohl die Zofe mehr als einmal nach den Befehlen ihrer Gebieterin gefragt ha— ben. Die Beiden hatten nichts gehört und nichts geſehen. Endlich verließen
ſie die Fenſter, nachdem ſich noch zwei Blike getroffen hatten, in denen zwei Seelen lagen.
So ſehr auch die Sehnſucht unſern Arzt drängte, nach dem Gaſthof hinüber zu eilen, in welchen er als Hausarzt zu jeder Zeit Zutritt hatte, auch berechtigt war, allen Fremden ſeinen ärztlichen Beſuch abzuſtatten, ſo trieb ihn doch die Menſchenliebe zu ſeinen zahlreichen Patienten in der Stadt, und es war ſchon ziemlich ſpät als er am Nachmittag, halb verwirrt, mit pochendem Herzen, in ſeinem Zimmer anlangte. Es wäre kein Wunder gewe— ſen, wenn er manchem Kranken heut ein ganz anderes Rezept verſchrieben hätte als dieſer brauchte,— ſeine Gedanken waren ja nicht beim Schreiben; und hat nicht ſchon mancher verliebte Apotheker die verſchriebene Medizin ſo verwechſelt, daß der, der ſie bekam gegen ihre Wirkung gar nichts einwenden konnte?— Er warf einen Blik hinüber; ihr Zimmer war leer: ſie wird beim Mittagsmahle ſein, dachte er, und begann ſchnell ſeine Toilette in Ordnung zu bringen. Es galt einen wichtigen Gang; er wollte nicht nur die Geliebte ſprechen, ſondern alsbald um ihre Hand werben.— Er flog hinüber. Ganz flüchtig nur fragte er nach dem Befinden des Gaſtwirths und dann gleich bei— läufig: wer und wo die Fremden wären, welche die obern Zimmer des Hauſes inne hätten?— Eine Geheimeraͤthin aus der Hauptſtadt, erhielt er zur Ant⸗ wort, welche mit ihrer Tochter und deren Mann nach der ſächſiſchen Schweiz reiſe, auch gegenwärtig einen Ausflug in die ſchöne Umgegend der Stadt ma— che.— Der hoffnungsvolle Arzt hatte genug gehört. Betäubt ſchlich er nach ſeiner Wohnung zurük. Hier hatte er Muße, ſein ganzes Schikſal zu über— denken; er hatte in einem Tage alle Seligkeiten des Himmels genoſſen und alle Martern der Hölle empfunden.— Was half es ihm, daß ſie, wie einſt, am Abend den Fenſter-Vorhang ſenkte, daß ſie ihn am Morgen wieder öffnete und dem Verzweifelten, der bleich an ſeinem Fenſter ſtand, Blike zuſandte, die ihm deutlich ſagten, ſie habe dem Drängen ihrer Eltern nicht länger wi—


