Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
154
 
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rig und trübe, ſuchten Einen, den ſie bald fanden und lange, lange auf ihm weilten, bis ſie in das Haus verſchwand. Niedergeſchlagen und erbittert auf ſein Schikſal wankte er davon; ſelbſt das Gefühl, daß auch ſie unaus⸗ ſprechlich leide, konnte ihm keinen Troſt geben. Aus ſeinem Himmel von Hoff nungen geſtürzt, kam er halb bewußtlos in den Weinkeller, wohin er einige wenige Freunde beſchieden hatte, die er zum Abſchiede bewirthen wollte. Der Wein ſollte jede Empfindung in ſeiner Bruſt tödten; er trank mehr als ge wöhnlich und kam erſt ſpät nach Hauſe. Drüben war Alles finſter, finſter wie ſein Gemüth. Er warf ſich abgeſpannt und todesmatt auf ſein Lager.

Am andern Morgen hatte er bereits die Stadt verlaſſen. Sein Zimmer war öde, die Blumen ſtanden nicht mehr am Fenſter; nur hier und da klebte ein Zitronenblatt an den Scheiben, das ſagte der Schönen, als ſie den Vor hang ihres Fenſters öffnete und verſtört hinüberblikte:Lebe wohl!

f Nach einer Pauſe, welche durch einen tiefen Seufzer des Erzählenden eingetreten war, fuhr dieſer fort:

»In ſeinem neuen Berufsorte führte der junge Arzt ein höchſt einför⸗ miges Leben, wenn man nicht die verſchiedenen Krankheitsfälle, die ſich ihm darboten, Abwechſelungen nennen will. Sein ſtilles und ernſtes Benehmen, das mehr aus einer gewiſſen Gleichgültigkeit gegen die Welt als aus wirkli cher Beſcheidenheit herrührte, hatte ihm bald die Achtung ſeiner Mitbürger erworben, ſo daß er unter den übrigen Aerzten des Städtchens der beliebteſte und daher auch der am meiſten beſchäftigte ward; kein Wunder, daß ſich ſein Einkommen immer mehr vergrößerte.

Wieder vergingen zwei Jahre. Der Arzt fing an ſich in ſeiner Lage zu gefallen, und nichts war im Stande, ſeiner eingezogenen Lebensweiſe eine andere Richtung zu geben. Vergebens weilten die Augen mancher Schönen mit mehr als bloßer Theilnahme auf ſeinem Angeſichte, das durch die ſtille Schwer muth, die ſich darauf gelagert hatte, um ſo intereſſanter geworden war, ver gebens wurde ihm mancher vortheilhafte Heirsths-Antrag gemacht; er blieb

allein und zehrte an den Erinnerungen der verfloſſenen Tage. Auch hier prangten vor ſeinem Fenſter die Kinder des Frühlings, die Blumen; dieſel ben, die einſt ſo viel für ihn geſprochen, auf denen ihr Auge, das Auge der Unvergeßlichen ſo gern geweilt hatte. Er ſtand manche Stunde vor ihnen in ſelige Träume verſunken; jede derſelben rief einen andern Tag jener ver rauſchten, glüklichen Zeit in ſein Gedächtniß zurük. Wenn der Wind durch das offene Fenſter drang und die Blätter und Blüthen ſeiner Blumen mit lei ſem Wehen durchſäuſelte, daß ſie ſüßen Duft um ihn her verbreiteten, war es ihm, als vernehme er die alten ſtummen Antworten auf die alten ſtummen

Fragen, die ihm der luftige Bote, mit trauten Grüßen aus der Ferne, von der Geliebten bringe. Alle Morgen, wenn er ſein Fenſter öffnete, erſchien ibm gegenüber das Bild der Entfernten, wie ſie die Jalouſten aufzog, all abendlich glaubte er ſie zu ſehen, wie ſie dieſelben herabließ, dann noch ihren Schatten, wie er nach und nach hinter die Gardine verſchwand; und doch wech- ſelten die Geſtalten ſeines Vis-Avis täglich oder er hatte auch öfters gar kei nes, denn das Haus gegenüber war ein Gaſthof.

Eines Morgens, als er das Fenſter geöffnet hatte, und ſeine Seele wieber zu den lieben Bildern der Erinnerungen hinabtauchte, ſo daß er wie