Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
151
 
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det ſich nicht der Charakter Roſſini's und Webers! Die Muſik desBarbiers von Sevilla charakteriſirt ſich durch das Joviale, Glänzende und die Fülle bezaubernder Melodien, während im Freiſchüzen ein reines, tiefes, ſchwer müthiges Gefühl, von himmliſcher Har monie geſchmükt, durchgängig ausge prägt iſt: die geſchmakvollſten Verzie rungen in der Agathe würden den vom Komponiſten beabſichtigten Eindruk zer ſtören. Dieſe Kontraſte der italieni⸗ ſchen und deutſchen Schule hat Dem. Carl meiſterhaft hervorgehoben. Wie ihr Geſang in der Roſine durch den Reichthum neuee, geſchmak voller und kühner Figuren, welche den Hörer in Erſtaunen ſezten, glänzte, ſo entzükte ſie geſtern in der Agatha durch das Schmuklofe, Innige, und ſo zu ſagen, durch den melancholiſchen Zauber der Töne; die Känſtlerin zeigte ſich als würdige Repräſentant in deutſcher und italieniſcher Muſik, eine Wirkung je ner großen Fähigkeiten, durch welche ihr allenthalben der allgemeine Beifall, wie auch bei uns in der geſtrigen Auffüh⸗ tung desFreiſchüzen, zu Theil wur de. Aber auch das Spiel ſchattirt ſie mit gleicher Vollkommenheit: in der Roſine ſtellte ſie uns eine ſchalk hafte, ſchlaue, feurige Spanierin, in der Agathe hingegen, ein anſpruchlo ſes, frommes, ſchwermuths- und ſehn ſuchtsvolles deutſches Mädchen dar. Ein ſolch glänzendes Talent verdiente auch geſtern eine glänzende Aufnahme. Der Beifall nach jeder einzelnen Nummer und der Hervorruf war ſtürmiſch. Aber auch unſer Perſonal beeiferte ſich das zahlreich verſammelte Publikum zu be friedigen. Ferner:In der wieder holten Aufführung desBarbiers(am 16. Febr.) hatte Dem. Carl mit einer gefährlichen Nebenbuhlerin zu kämpfen, nicht etwa mit einer andern Sängerin, welche ſie keinen Grund zu fürchten

hat, aber ſie hatte elne Vergleichung mit ſich ſelbſt zu beſtehen; denn in der erſten Darſtellung der Roſine entwikelte ſie Alles, was der italieniſche Geſang nur Glänzendes und Schönes darbie tet. Dieſe Vergleichung war um ſo nachtheiliger für die Künſtlerin, als ſie anfangs nicht bei Stimme zu ſein ſchien; aber bald ward ſie Meiſterin ihrer großen Mittel, und brachte noch einen mächtigern Eindruk, als das er⸗ ſte Mal, hervor. Die Paſſagen in der erſten Arie waren neu, und gleich kühn als geſchmak voll. Das Dramatiſche ih⸗ res Geſanges tritt beſonders in den Enſembleparthien hervor. Den beſten Beweis davon lieferte gleich das erſte Duett, wo das mezza- voce eine hin⸗ reißende Wirkung erregte; die Begei ſterung der Zuhörer ſteigerte ſich noch höher im Finale des erſten Aktes, und bei Eröffnung des zweiten. Den Triumph hatte ſich jedoch die Künſtlerin für die lezte Arie Donizetti's aufbewahrt. Gleich den großen Künſtlern, welche, wie z. B. Paganini und die Sontag, in der Kunſt crescendo gehen, hat Dem. Carl ſich ſelbſt übertroffen; ſie entfaltete hier einen ſeltenen Umfang und Volubilität der Stimme: die he ging bis zu b, und die Tiefe bis G. Von den leiſeſten Klagen, bis zu den heftigſten Ausbrüchen der Leldenſchaft ergießt ſich aus ihrer Bruſt der Dop pelzauber der Schönheit und des Ge fühls. Das Erſtaunen der Verſamm lung, welches den höchſten Gipfel er reicht hatte, ging in die allgemeinſte Rührung über; man vergaß die Ver mengung der Sprachen, denn ein ſo hochbegabtes Talent, mit der ſelten ſten Ausbildung verſchmolzen, läßt ſeine zauberiſchen Klänge auch ohne Worte in das Herz dringen, es erhei ternd, oder erſchütternd. Die glänzen de Aufnahme der Künſtlerin, welche man auch diesmal einſtimmig hervor