Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
150
 
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Grunde liege, entweder auf eine Un⸗ klarheit der Auffaſſung und Wiederge bung deute, oder auf eine Vielſeitig keit und Prägnanz des zu verarbeiten den Stoffes, die nothwendigerweiſe der erforderlichen dramatiſchen Einheit we ſentlichen Eintrag thut? Sie fragen, wer hier der Held ſei, der den drama tiſchen Brennpunkt des Ganzen konſti⸗ tuirt? Wo die Kraft, dieſe Sonne am tragiſchen Himmel? Wo das wirk- ſame und erhebende Ankämpfen gegen das einbrechende Geſchik? Hier iſt kei ne Handlung; hier geſchieht blos etwas; es ſind einzelne Begeben⸗ heiten aus dem Leben eines Mannes, der, unbeſchadet dem Gange und Ver laufe des Stükes, nicht gerade ein Adept zu ſein brauchte, eines Mannes, der Größe und Adel in hochtrabenden Jamben von den Lippen ſchüttelt, wäh rend ſein energieloſes Thun und Han deln baare Gewöhnlichkeit und bis zum Schluſſe faſt Alltäglichkeit ver räth. Wo wären die Motive, die ihn zum Guten und zum Böſen treiben und, gäbe es dergleichen, werden ſie vor unſern Augen klar und genügend entwikelt? Iſt das Verhältniß der ein⸗ zelnen Theile ebenmäßig und harmo niſch? Sind die Charaktece wenn wir die der Agnes und der Annely ausnehmen gehörig ausgeprägt und markirt? Doch wir unſerſeits wol len uns in dergleichen Forſchungen nicht einlaſſen und beſchränken uns auf die Verſicherung, daß dieſes allerdings werthvolle Werk auf uns, wie auf das geſammte in großer Anzahl verſammelte Publikum, den günſtigſten und blei bendſten Eindruk hervorbrachte, wozu, außer den Eingangs erwähnten glän zenden Schönheiten der Dichtung, die im Ganzen gelungene Darſtellung we ſentlich beitrug. Vorzüglich erwähnen wir unſere Mad. Kalis-Padjera(Agnes), die beſonders im vierten Akte durch

Natürlichkeit des Vortrages ſich in har⸗ moniſchen Einklang mit dem Geiſte der Rolle verſezte. Sie erhielt lebhaf ten Beifall. Hr. Quandt gab die Titelrolle mit aller der künſtleriſchen Umſicht, die dieſer gebildete Mime allen ſeinen Schöpfungen zu Grunde legt. Sein Streben erhielt gerechte Aner⸗ kennung. Hr. Poſinger gewann dem Böſewicht Hartneid alle jene frappi⸗ renden Seiten ab, mit welchen der Dichter dieſe Rolle ausſtattete und ſeine Lei⸗ ſtung gehört zu den verdienſtlicheren. Mad. Grill(Annelli) war in ihrer kleinen Rolle ſehr preiswürdig. Der H. H. Henſel(Ruodi), Berg(Herzog), Demmer(Manuel) u. der Dem. Schmidt (Lucretia) und Deny iſt hier noch zu gedenken. Dr. Notus. Warſcha u. Henriette Carl iſt ſeit längerer Zeit hier und entzükt die kunſtſinnigen Bewohner dieſer Haupt ſtadt durch ihre wahrhaft großartigen Leiſtungen. Der Zudrang zu ihren Vorſtellungen iſt ſo unermeßlich, daß die Entree-Billets ſchon einige Tage und die Logen 14 Tage vorher vergrif fen werden. Die ſämmtlichen hier er ſcheinenden Blätter erſchöpften ſich in Lobeserhebungen über dieſe Künſtlerin. Wir liefern hier eine wörtliche Ueber ſezung zweier Artikel der offiziellen ZeitungGazeta Warszawska vom 12. u. 17. Februar:Dem. Carl trat geſtern(den 11. Febr.) in der Rolle der Agathe imFreiſchüz auf. Au⸗ ßer der Sontag dürfte wohl ſchwerlich eine der jezt lebenden Sängerinen den Geiſt der verſchledenartigſten Kompoſi tionen ſo aufzufaſſen wiſſen, wie Dem. Carl. Denn die glüklichſte Organiſa tion der Stimme iſt keinesweges aus reichend, wenn dieſelbe nicht ver einigt iſt mit einer vollendeten Aus- bildung, Vielſeitigkeit des Talents, und vor allem, mit einer reichen u. leb haften Phantaſie. Wie ſehr unterſchei⸗