Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
147
 
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puzt wle zu einem Feſte, das Haus verlaſſen und war immer erſt ſpaͤt zurük⸗ gekehrt; ſeine jedesmalige Aengſtlichkeit in Bewegung und Blik, ehe er das Fenſter und Zimmer verließ, woren ihr aufgefallen, ſie konnte ſich dies Be⸗ nehmen nicht erklären und es beunruhigte ſie ſo ſehr, daß ſie öfter als jemals ihre Blike fragend nach ihm hinüberſandte. Vergebens ſuchte er ihr durch ſeine Hieroglyphen begreiflich zu machen, daß er, wie ſich die Studenten auszudrü⸗ ken pflegen, im Examen läge; ſie verſtand ihn nicht. Endlich aber, als er eines Tages im höchſten Felertagsanzuge mit ſchnellen Schritten nach Hauſe kam und mit freudeſtrahlendem Angeſicht an ſeinem Fenſter erſchien, wo er aus einem großen Futteral eine Rolle hervorzog und ſie hoch emporhielt, ſchien es ſie wie ein freudiger Schreken zu überfallen; ſie war allen ſeinen Bewe⸗ gungen mit den Augen gefolgt, und unwillkührlich neigte ſie ſich jezt gratu lirend zu ihm hinüber. Sie mußte ihn errathen haben; er war Arzt geworden.

Von dieſem Tage an aber lagerte ſich ein wehmüthiger Ernſt auf die klaren Züge ſeiner Angebeteten, wahrſcheinlich weil ſie nicht wußte, ob er in der Hauptſtadt bleiben oder dieſe verlaſſen würde. Ihre Traurigkeit nahm zu, als ſie einige Zeit nachher an ſeinem Fenſter abwechſelnd blaue Lilien, Kaktus, Akazienblüten und Zypreſſenzweige erblikte, lauter Zeichen einer nahe bevor⸗ ſtehenden Trennung. Der neue Arzt hatte aus einem der Hauptſtadt fern ge legenen Städtchen den Ruf erhalten, daſelbſt ſeine Praxis auszuüben, was um ſo wünſchenswerther für ihn ſein mußte, als ſeine Vermögens-Umſtände ihm nicht geſtatteten, ſich einige Jahre lang in der Reſidenz, wie das bei angehenden Aerzten der Fall iſt, in einem kleinen Berufskreiſe zu bewegen; da es überhaupt zweifelhaft war, ob ihm, wie ſo Manchem, das Glük lächeln und ihm ſpäter einen bekannten Namen geben würde. Er wünſchte vor ſeiner Abreiſe nur Eines noch, ſie zu ſprechen; ihr Wort ſollte ihm beſtätigen, was ihm ihr Auge längſt geſagt hatte. Dann wollte er er wußte felbſt nicht, was; aber ſprechen mußte er ſie. Er hoffte um ſo mehr, ſie zu einer Zuſammenkunft mit ſich zu bewegen, als er bemerkt hatte, daß ſie, ſeit die verbängnißvollen Blumen, welche feinen Abſchied verkündeten, am Fenſter ſtanden, ihr zurükhaltendes und ſcheues Betragen gegen ihn gänzlich geändert. Sie grüßte ibn Morgens und Abends nicht mehr ſo verſtohlen wie ſonſt; ſie gab ihm mit trauriger Miene zu verſtehen, daß ſie die ſtummen Abſchieds⸗ worte und Fragen ſeiner Blumen verſtanden habe und zeigte ihm als Antwort darauf Immortellen und Anemone, ewige Liebe und Hoffnung. Sie mochte jezt wohl ebenfalls den Wunſch gehegt haben, ihn zu ſprechen, aber durch jung⸗ fräuliche Scheu verhindert worden ſein, ihm dies zuerſt kund zu thun; wenig ſtens zeigte ſie ſich gleich bereit, ihm dieſe Gunſt, die er nunmehr von ihr erbat, zu gewähren. Ihre Zeichen ſagten ihm, daß ſie während der nächſten acht Tage es ganz beſtimmt veranſtalten werde, daß er ſie irgendwo ohne Zeu gen würde ſprechen können. Wie ſchlug jezt erwartungsvoll das Herz des jungen Arztes! Was wollte er ihr Alles ſagen; ein Gedanke drängte den

andern fort.

(Fortſezung folgt.)