Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
146
 
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Nachbar gegenüber trafen, gleichſam als wollte ſie ihn für die kurze Abweſen heit im Voraus entſchädigen. Eben daſſelbe geſchah, wenn ſie ausgehen mußte, wo ſie, ſchor angekleidet, abermals am Fenſter erſchien und dort noch einige Minuten zu kramen hatte. Welche Glükſeligkeit für den Studenten! An⸗ fangs hatte er den lebhaften Wunſch, ſie irgendwo zu treffen und ihr ſein ganzes Herz zu entdeken; endlich aber gewöhnte er ſich an dieſe ſtumme Unter haltung ſo ſehr, daß er nichts weiter wünſchte, als daß es immer ſo bliebe. Er fürchtete ſogar durch Zufall ihr auf der Straße zu begegnen und ſie ſprechen zu hören, weil er es für möglich hielt, daß ihr Benehmen oder ihre Stimme einen Theil des Bildes zerſtören würde, das er von ihr im Herzen trug. Aus demſelben Grunde zog er ſich auch jedesmal von ſeinem Fenſter zu rük, wenn ſie das ihre öffnete und heraus blikte; er fragte ſogar niemals, wie

die Dame heiße, die ihm gegenüber wohne, und doch war das Zemmer

drüben ſeine Welt. 5

Obwohl ſich die Beiden niemals ſprachen, lebten ſie doch, wenn man es ſo nennen kann, auf ſehr vertrautem Fuß. Sie freuten ſich zuſammen, ſie ſchmollten mit einander, Einer wurde auf den Andern böſe, ſie verſöhnten ſich mit einander; wer ſie genauer beobachtet hätte, der würde ſie für ein wirklich ſtummes Brautpaar gehalten haben. Jeden Morgen, ganz früh, ſtand er bereits am Fenſter, jeden Abend, ſpät, befand er ſich am Fenſter; es war ja ihr Amt, die Fenſterjalouſten ihres Zimmers aufzuziehen und hernieder zu laſ ſen. War er durch einen ſeltenen Zufall verhindert worden, an ſeinem Fenſter zu ſein, wenn ſie Abend die Gardine ſenkte, ſo ſchmollte ſie am folgenden Tage, und ſeine Miene und ſeine Blumen mußten lange bitten, ehe ſich ihr Antliz wieder erheiterte und der ſtumme Hader geſchlichtet war. Es war ihm gar nicht unlieb, daß ſie zürnte; er wäre in Verzweiflung gerathen, wenn ſie ſich dabei gleichgiltig gezeigt hätte, und ſein Herz ſagte ihm, daß ſie eben ſo wie er fühle. Hatte ſie ihren Eltern nach einem Balle oder irgend einer Ge ſellſchaſt folgen müſſen, ſo wurde er unruhig und grollte ſo lange über ihr ſpätes Nachhauſekommen, bis er in ihren Bliken zu leſen glaubte, daß er unbeſorgt fein könne, ſie ſei dieſelbe, die ſie geſtern geweſen und die Ver ſöhnung war unterzeichnet. So lebte der Student überglüklich in einer eige nen Welt und rechnete nach einem eigenen Kalender; Sonnenaufgang war es, wenn ſie die Jalouſien öffnete, Sonnenuntergang, wenn ſie ſie ſchloß, Froſt und Nebel, wenn ihr Antliz umwölkt war, und ein heiterer Tag, wenn ſie lächelte.

Von jungen Männern, welche Zutritt in dem Hauſe gegenüber hatten, war nur Einer, der die Aufmerkſamkeit des Studenten in Anſpruch nahm, weil er öfter kam als die übrigen und von den Mitgliedern der Familie mit ziemlicher Vertraulichkeit behandelt wurde; indeß ſchwanden ſeine Zweifel bald, als er bemerkte, mit welcher Gleichgiltigkert ſiſe dem Gefürchteten be gegnete. Er könnte alſo nur ein Verwandter des Hauſes ſein, der ihn fortan nicht mehr beunruhigte. Zwei Jahre vergingen. Die Liebe, die den Studenten Anfangs von ſeinem Studium entfernt hatte, trieb ihn bald wie der zu doppeltem Fleiße an; denn Niemand fühlt es mehr als ein liebendes Gemüth, daß man in der Welt etwas gelten müſſe, wenn man ſeiner Geliebten nicht unwürdig ſein wolle. In den lezten Monaten hatte er mehrmals, ge⸗