Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
125
 
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jährlichen Zuſchuß von 20,000 pesos(Dollars). Das Haus war wenig beſucht. Die Damen waren größtentheils ohne Hut, und jede hatte den Kopf mit Federn, Blumen oder Perlen geſchmükt; ſie trugen nach der dortigen Mode ungeheuer große Kämme in dem Haar. Beſonders wunderte ich mich aber, als ich die Perſonen beider Geſchlechter, ſelbſt nachdem der Vorhang aufgezogen war, rauchen ſah; es gewährt wirklich einen ſeltſamen Anblik, die Damen mit der einen Hand anmuthig den Fächer bewegen und mit der andern die Zigarre halten zu ſehen, während ſie aus ihrem reizenden Munde Wölkchen eines bläulichen Rauches blieſen.

Eigenheiten der engliſchen vornehmen Welt.

Warum bringen die engliſchen Landedelleute nicht den Winter, ſondern die ſchöne Jahreszeit in London zu?Das erfordert die Geſundheit der Pferde, antwortet ein vornehmer Engländer;wenn man ſie in den Winter- nächten auf den Straßen ſtehen und herumfahren laſſen müßte, und zwar, wie es nöthig iſt, von Abends neun Uhr bis früh um fünſ Uhr, ſo würden ſich alle Familien durch die Pferde ruiniren. Aber ſie ruiniren ſich durch ge⸗ waltige Reiſen(ein Mitglied des Oberhauſes, das 150 Meilen von London wohnt, kommt alle Sonnabende nach London zu einem Freunde zu Tiſche), duech das Streben, Reichere nachzuahmen, durch die Sucht, zu glänzen, und durch die Wuth, Millionen wegzuwerfen.Es that mir ſehr leid, ſagte neulich ein Adeliger vom zweiten Range,die Geſellſchaft des Herzogs von N. nicht beſuchen zu können; mein Vermögen erlaubt es nicht. Den andern Tag ward er zu einer Jagdpartie eingeladen, und er brachte dazu elf Vediente, neun Pferde, drei Wagen und ſechzig Hunde mit. Die vornehme We 1 iſt den willkürlichſten Geſezen unterworfen. Neben ſeltſamer Delikateſſe findet man Unanſtändigkeiten, welche gleichwohl für das Symbol der hohen Zivili⸗ ſation gelten. Hier trifft man auf ein eigenthümliches Kauderwälſch, das zu gleicher Zeit den Anſtand, und den guten Geſchmak beleidiget; dort eine Menge unartiger, mißfälliger Gebräuche, die man nur annimmt, um ſich von dem artigern gemeinen Volke zu unterſcheiden. Wird man es glauben, daß eine junge Dame vom höchſten Range, wenn ſie ſich mit den ſie beſuchenden Herzoginen und Gräfinen unterhält, ſich heftig den Rüken reibt, um das Ju⸗ ken zu lindern, das ihr ihre äußerſt zärtliche Haut verurſacht? Sie beſchaͤf⸗ tigte ſich eben mit dieſer Angewohnheit, als man ſich in ihrer Gegenwart der Worte bediente:Der Mann, von dem Sie ſprechen, hat ein reizendes Mäd⸗ chen geheirathet. Sie fuhr zuſammen, ihre Stirn runzelte ſich, alle ihre Nerven zukten, als hätte ſie auf eine Schlange getreten. In der guten Ge ſellſchaft ſind die Worte: Wann, Frau, Mädchen verbannt, man muß ſagen:eine Perſon. Die ſeltſamen Uebereinkünfte in dieſer modiſchen großen Welt verbieten gegenwärtig z. B. beim Eſſen das Meſſer in den Mund zu nehmen, erlauben dagegen, beide Ellenbogen auf den Tiſch zu ſtüzen, und zwar von der Suppe an bis zum Deſſert. Dies iſt die neueſte Mode in der vornehmen engliſchen Welt. Einige Tage, nachdem ich die merkwürdige Mode zum erſten Male bemerkt hatte, brachten zwei andere vornehme Herren eine Stunde bei einem ehrwürdigen Geiſtlichen zu, ohne die Hüte abzuneh⸗