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Erdvertiefung herab gerannt und lekte ſich die gierigen Rachen, als ſie über ihr ſchauderhaftes Feſtmahl herfielen. Die todten Leiber wurden haſtig zerriſ— ſen und oft kehrten ſie ſich in ihrer Freßwuth in raſendem Angriff gegen ein— ander ſelbſt. Hätten ſie mein Leben in einem raſchen Augenblik zu vernichten vermocht— ſelbſt der Tod wäre mir ein willkommener geweſen. Als ich ſie aber die zarte Geſtalt meiner Geliebten zerfleiſchen ſah, da drängte ſich, was mich ans Leben band und erinnerte, mit Macht hervor, und unwillkürlich ſtieß ich einen ſolchen Schauderſchrei aus, daß vor ihm die überſättigten und feigen Nachträuber in raſcher Flucht aus der Grube davon rannten.
Der Morgen tagte aufs Neue. Abermals beleuchtete die heiße Sonne den Gipfelrand des Erdbekens. Die Verweſung hatte ihr Werk begonnen, und ein neues Uebel, unerträglicher als die andern alle, machte das Maß mei⸗
nes Elends voll. Glühender Durſt, glühend wie im Fiebertoben, brannte
mich, und mein Mund und meine Kehle waren wie Pergament. Da ward mir die Wahrheit alles deſſen, was ich ſchon von der Todesqual des Durſtes gehört hatte, in ihrer ganzen Entſezlichkeit offenbar. Alle Schreken und Leiden des Geiſtes gingen unter— wurden vergeſſen in dieſem einzigen, in dieſem all be— herrſchenden Vedürfniſſe des Leibes. „Trinken! gebt mir zu trinken!“ ſchrie ich, bis das Echo der Wildniß „trinken“ mir nachrief. Ich wußte von keinem Elende mehr, als vom Durſte— hatte keinen Sinn für eine Freude, ſei's auf Erden oder im Himmel, als nur— Waſſer in vollen, in ewigen Zügen aus einem kühlen Vorn in mich zu trinken.
(Beſchluß folgt.)
Lady Hamilton und ein vornehmer Betrüger.
Lady Hamilton liebte das Spiel leidenſchaftlich, Lord Nelſon aber ſpielte nie mit, ſondern ſaß hinter ihr und ſprach leiſe mit ihr. Nächſt dem Spiele liebte die Dame beſonders die Juwelen. Der Mann, welcher bei Rouge et Noir gewöhnlich Bank hielt, nannte ſich Herzog von S., und war eine Art Caſanova, ein zugleich geiſtreicher und ſchlauer Mann, bekannt durch ſeine Reiſen in Europa und durch ſeine Duelle, die faſt alle durch ſein außeror— dentliches Glük im Spiele veranlaßt wurden. Der Herzog von S. kannte die Liebhaberei der Lady, und erſchien beim Spiele ſelten ohne eine ſchöne Nadel oder einen ſchönen Ring. Sobald die ſchöne Engländerin dieſen Schmuk bemerkte, rief ſie:„Ach, mein Gott, lieber S., welchen ſchönen Ring ha— ben Sie da!“„Sie irren ſich nicht, Mylady; die Fürſtin S. wählte ihn in St. Peters burg für mich unter Tauſenden bei dem berühmten Hofjuwelier Du— val aus.“„Ach, was gäbe ich darum, daß ich ihn mein nennen könnte!“
S. zog dann den Ring ab, reichte ihn der Lady, und ſagte:„Erzeigen Sie mir die Ehre, ihn anzunehmen; Sie werden mir dadurch Ihre Freund— ſchaft beweiſen, und der Ring wird in einer Hand ſein, die würdiger iſt, ſich damit zu ſchmüken, als die meinige.“—„Nein, das nicht; ich werde ihn nur für den Preis annehmen, den Sie dafür zahlten.“— S. ſtekte den Ring wieder an, und erklärte:„Dann dürfen Sie nicht wünſchen, ihn zu beſizen.


