Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
122
 
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ſere Pferde von der Höhe bis auf den Boden faſt haltlos ne, 8 ſträuche und Stechginſter, Geſtrüpp und Buſchwerk umgaben den Rand oben mit einer ſchirmenden Heke. In der Tiefe unten lief träufelnd ein kühles Rinnwäſſerchen über den Kalkſteinboden.

Hier ſtanden wir athemlos, in banger Erwartung, Emma feſt an mich geſchmiegt. Doch ach! bald hörten wir den ſchallenden Hufſchlag ihrer naben den Roſſe; und gleich als ob uns jede günſtige Möglichkeit, den Feinden ver⸗ borgen zu bleiben, abgeſchnitten werden ſollte, fingen unſere Noſſe, die ihrigen witternd, zu wiehern an, und augenbliklich gaben dieſe Antwort. In einem Nu war unſer Beken umringt. Wieder und immer wieder erklang der ohrzerreißende Knall der Feuergewehre, gefolgt vom ſchweren Stöhnen meiner fallenden Gefährten; unſere Schüſſe dagegen nach denen gerichtet, die hoch oben ſtanden und nur im Augenblik des Abfeuerns ihre Köpfe zeugten, ver fehlten faſt immer machtlos ihr Ziel. Durch ihr Glük kühn gemacht und un⸗ geduldig über den langſamen Fortgang ihres Blutwerks kamen die Feinde bald heulend das Beken herab. Wie der gehezte Hirſch endlich ſeinen Verfol⸗ gern im Verzweiflungskampf ſich ſtellt, ſo ſtritten wir nun Mann an Mann, und das Blut von mehr als Einem der Ihrigen miſchte ſich mit dem unſeren. Emma ſank an meine Bruſt.Heinrich, rief ſie,wir ſterben zuſammen. Kraftvolle Leiber und muthige Herzen und furchtloſe Arme ſie halfen nichts gegen das Uebergewicht der Zahl. Emma wurde in meinen Armen er⸗ ſchlagen; und ihr brechendes Auge blikte in ſeltſamem Vereine Liebe und Schreken und Tod. Auch über meine Augen kam es wie Nebel und Nacht; und die lezte Empfindung eines ſchweren, eiſernen Schlafs war: unſere erdenfreien Geiſter ſchwebten vereint der Himmeleſeligkeit zu.

Leben und Bewußtſein kehrten mir jedoch wieder und mit ihnen kam die hoffnungsloſeſte Verzweiflung. Die Morgenſonne war eben aus den Nebeln aufgetaucht, als wir dieſes Beken betraten. Jezt war es ſengender Mittag. Ich lag auf dem harten Kalkſteinboden. Emma's blaſſes, kaltes Antliz war neben mir. Ihr einſt ſo lebendiges, feuriges Auge ſtarrte farblos und ver⸗ glaſt. Ich war an mehreren Stellen mit Lederſträngen gebunden, die ein Rieſe nicht hätte zerreißen können. Ich kämpfte wie ein Wahnſinniger gegen ſie an, bis meine ſchwachen Kräfte erſchöpft waren und die Natur machtlos nachließ. Da ſchrie ich aus der Tiefe meines Jammers zum Himmel auf und flehte laut zu Gott um Barmherzigkeit. Wenn ich in meinen Stöhnen innehaltend um mich ſchaute, welch ein Anblik..... Alle die treuen Gefährten im bluti⸗

gen Tol.

odesſchlafe hingeſtrekt auf der Stelle, auf der ſie ſielen. Mein Gehirn begann in Wahnwiz aufzuglühen. Ich verſuchte mein Haupt am Stein⸗ boden zu zerſchmettern. Allein ich ſollte ſo meines Lebens verhaßte Bürde nicht ablegen.

Ich lag in ſternenloſer Finſterniß, vom kalten Nachtthaue 1 und unabläſſig dem erſtarrenden Druk der ſchmerzlich einſchneidenden Strike ausgeſezt. Zuerſt vernahm ich das Schreien der Eule. Dann ſchnitt mir der barſche, kreiſchende Ruf des Panthers ins Ohr. Das durchdringende Gebell und hungrige Gebeul der Wölfe hob an, und kam näher und näher. Ich hörte bald ihr drohendes Knurren und ihre leiſen, kazengleichen Tritte. Unmittelbar darauf kam ihrer ein ganzes Rudel, durch ihre Zahl muthig gemacht, in die

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