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die ihm die junge Frau ſo freundlich und wohlſchmekend auf den Tiſch ſezt. O es iſt eine ſchöne Zeit, die Zeit der jungen Gemüſe!:
Der Au guſt mit ſeinen Hundstagen hat auch ſeine Freuden. Man macht Landpartien, und der Menſch ſieht, wie ſauer ſich's der andere Menſch zur Erntezeit werden läßt. Er philoſophirt über die Bitte um's tägliche Brod, und hat er anders dergleichen, ſo denkt er mit frommer Rührung an ſein— Anſtellungspatent.— Der Auguſt bringt auch noch neue Kartof— feln, und welcher gemüthliche Menſch freut ſich nicht auf neue Kartoffeln! Weſſen Magen wäre überhaupt ſo herzlos, oder weſſen Herz ſo magenlos, ſich nicht an dem Gedanken zu erheben: daß um dieſe Zeit Früchte aller Art rei— fen, und es ein ſo ſüßes Gefühl iſt: zu ernten.
Der September ladet zur Schifffahrt ein. An Waſſer fehlt's niemals, denn überall gibt es ſchlechte Poeten. Uebrigens erſcheinen jezt auch die jun⸗ gen Gänſe und die jungen Taſchenbücher, von welchen leztern manche ſogar ſchon ein halbes Jahr früher als nöthig aus dem Mutterleibe der Zeit ge—⸗ ſchnitten werden, um ja keinen zu machenden Schnitt zu verſäumen.— Die Luft iſt mild und ruhig, aber die Bäume ſcheinen faſt ihrer Rolle müde: ſie laſſen ſchon hier und da verdrießlich ein Blättchen fallen; doch noch iſt die Flur nicht ſchmuklos, und das bunte Geſchlecht der Aſtern bietet die freund⸗ lichſten Kränze.
Wenn die Trauben nicht ſauer wurden, ſo bringt der Oktober mit der Weinleſe noch ein fröhliches Herbſtfeſt, und der Menſch denkt gerührt an die Zeit, wo dieſes Jahrgangs feuriges Traubenblut in Flaſchen auf ſeinem Tiſche ſtehen wird. Sonſt aber ſieht die ganze liebe Natur ſchon äußerſt ſtau⸗ big, übernächtig und verſchloſſen aus, und die langen Abende bringen Thee— kränzchen und langweilige Geiſter und Geſichter, und Aurora ſteht ſpät auf.
Ja,„die ſchönen Tage in Aranjuez ſind nicht mehr“, es kommen die Tage, welche uns nicht gefallen, und der Menſch begreift wehmüthig den Wech⸗ ſel aller irdiſchen Dinge. Der November iſt gekommen, wo die Sturmgei— ſter von der Kette ſich losreißen. Er iſt da, der privilegirte Kothmonat, das Schreken der Stiefelwichſer! f
Brüderlich reicht er dem Dezember die Hand, der indeß ſchon mehr von ſich macht, biswetlen ſogar ſchon eine Schlittſchuhbahn. Und gegen ſein Ende hin winkt der Chriſtabend, das große ſelige Gabenfeſt großer und kleiner Kinder, und nun wird der gute Menſch wahrhaft glüklich, denn mit den Kindern wird er— ſelbſt zum Kinde. 5 J. K
Das ſchoͤnſe Geſchlecht. (Aus Lewalds„Europa“).
Das ſchöne Geſchlecht hat offenbar ſchäzbare Seiten, die unſere voll kom⸗ menſte Anerkennung in Anſpruch nehmen; allein es gibt auch zu Mißbräuchen Veranlaſſung, die mit Ihrer Erlaubniß, ſchöne Leſerinen, einmal öffentlich gerügt werden müſſen.
Ich befand mich einmal in einem Theater, wo es etwas zu ſehen gab. Es iſt ſchon lange, daß ich in dem Fall war. Ich freute mich im Voraus,


