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und mit lhnen der Februar, die legitime Herrſcherzelt des Arlequin. Die chriſtliche Welt eilt jubelnd dem Faſching zu, wo ſie das unbeſtreit bare, ur⸗ alte, noch von den Heiden überkommene Recht hat, ſich mal zu zeigen und zu kleiden, wie ſiſe iſt, nämlich närriſſch. Das Stük Weltgeſchichte, das in dieſe Zeit fällt, trägt eine Doppelmaske. Schellen klingen, der platte deut⸗ ſche Hanswurſt ſchwingt die Pritſche und Komus, der Schmauſegott, ſezt ſich auf ſeinem Thron zurecht für den fetten Di enſtag; am Aſchermittwoch aber kehren nach alter Sitte hier und da die Hausgenoſſen einander die Aſche ab.
Auch die himmliſchen Redouten gehen vorüber wie alles Himmliſche auf Erden. Der März bringt Thauwetter und Schneeglökchen, und der Menſch wäſcht ſich mit Märzſchnee, um eine glatte Haut zu erzielen. Mildere Lüfte wehen; der Tag nimmt zu; es iſt ſo heimlich, ſo freundlich im Herzen, als nahe bald eine große, unbeſchreibliche Freude. Und das Herz täuſcht ſich nicht.
Da kommt endlich der April mit ſeinen Wetterlaunen, Oſterkuchen und der Leipziger Meſſe. Da hat der Menſch nicht ſelten ungeheuer viel Ge— ſchäfte. Immer länger werden die Tage, immer ſchöner, milder wird's indeß in der Natur; es treibt, es quillt und ſchwillt ihr in allen Adern; wie eine ſüße Ahnung fliegt es durch die Lüfte; Alles deutet auf ein großes liebliches Geheimniß. 5
Der Mai mit ſelnen Bläütenbüſchen, ſeinen Nachtigallen bringt das holde Geheimniß plözlich an den Tag. Es war die Lie be. Sie iſt erwacht in Millionen Leben, gukt aus Millionen Blumenkelchen, zwiſchert von Mil— lionen Zweigen. Und der Menſch fühlt ſich ſellg bewegt, und rennt in toller Haſt zum Schneider, um ſich die modernſten Sommerbeinkleider zu beſtelle n. Dann aber ſucht er ſich eine Geliebte, und wandelt mit ihr am Arm durch den aufgehenden, Alles hold verſchleiernden Frühling. Und das Herz wird ihm weit und immer weiter, und das Leben ſieht wolkenlos himmelblau und un⸗ trüglich hoffnungegrün aus. Oder die Geliebte war nicht ſogleich zu haben, und ſein Herz iſt dann in dieſem Monat beſonders ſeekrank. Er klagt mit den Nachtigallen, ſpazirt vorzüglich gern im Mondſchein, und hat aller⸗ lei närriſche Einfälle. Er macht Gedichte. Endlich aber haben ſich dle Herzen gefunden, und es kommt im Wonnemond noch Alles zum Kuß und Schluß, d. h. zum Verlobungsringe. l
Der Juni iſt indeß herangekommen, und bringt prophetiſch Roſen und Dornen. Aber der Menſch läßt ſich nicht irre machen. Schon iſt das Braut⸗ geſchenk gekauft; die Meubles, die Trauringe ſind beſtellt; der Küſter zieht feierlich den Chorrok an; der Konditor ſchikt die Torten; Koch und Geſinde haben alle Hände voll zu thun; die Wagen rollen; der Prieſter wartet ſchon am Altar, kurz: es wird geheirathet; enſin: der Menſch iſt glük lich.
Der Traum des jungen Glüks wird wenigſtens im Juli noch ſortge⸗ ſezt. Die Hize iſt groß, der Staub unertraͤglich; aber der Menſch merkt es nicht. Der Juli hat ja noch Roſen! Wohin er ſieht, erblikt er Früchte, und auch er freut ſich, daß ſein irdiſches Streben ſchreiende Frucht bringen wird in Haus und Leben. Seine Anſſchten von dieſem haben ſich geändert; wie Babylons Staub ſchüttelte er die jugendlichen Ideale von den Füßen, und denkt nun durchaus nur ans Reale: vorläufig an die jungen Gemüſe,


