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umbringen ſollten. Einige ſchlugen vor, den Gefangenen als Ziel hlnzuſtel⸗ len, um(hre Geſchiklichkeit in der Kunſt des Bogenſchleßens an ihm zu er⸗ proben. Der Häuptling ſtimmte für ein edleres Spiel; er faßte Colter bei der Schulter und fragte ihn, ob er ein guter Läufer ſei? Der Unglükliche kannte die Sitten der Indianer zu gut, als daß er nicht den Grund dleſer Frage errathen hätte: man beabſichtigte, ihn zum Gegenſtand einer förmlichen Parforce-Jagd zu machen. Obſchon ein berühmter Schnell⸗Läufer unter ſeinen Kameraden, antwortete Colter dem Häuptling dennoch, er ſei gar leicht zu überholen. Dieſe Liſt gelang, und man hielt es für ſchiklich, ihm einen be— deutenden Vorſprung zu geben. Der Häuptling führte ihn ungefähr 400 Schritte weit von dem Haufen der Wilden, ließ ihn dann los und ſagte ihm, er möge ſich retten, ſo gut er könne. Der arme Teufel verzog keinen Augen⸗ blik und rannte mit all dem Eifer, welchen die Hoffnung, ſein Leben zu ret⸗ ten, ihm einflößen konnte. Ein fürchterliches Geheul gab ihm zu erkennen, daß die ganze Meute hinterbrein ſtürmte.
Col ter flog mehr, als er lief; er ſelbſt mußte über ſeine Kraft und Leichtfüßigkeit ſtaunen, allein es galt, beinahe zwei engliſche Meilen zurük⸗ zulegen, bevor er die„Gabel des Miſſouri“« erreichen konnte— dies lag au⸗ ßer der Möglichkeit menſchlicher Kräfte. Obendrein war die Wieſe mit einer Unzahl ſtachlicher Pflanzen bedekt, die ſeine nakten Füße zerfezten; und jeden Augenblik mußte er befürchten, daß ein Pfeil ihn durchbohren würde. Er drehte nicht einmal den Kopf um, damit die Diſtanz, welche ihn von ſeinen Verfolgern trennte, und von deren Behauptung ſein Leben abhing, um kei⸗ nen Zoll verkürzt würde. Schon hatte er beinahe die Hälfte der Ebene durch⸗ laufen, als das immer ſchwächer werdende Geheul der Wilden ihm endlich den Muth gab, ſich einmal umzuſehen. Die Maſſe der Wilden befand ſich in be⸗ deutender Entfernung; aber einige der beſten Läufer waren den Uebrigen vor— angeeilt, und ein Wilder, der einen Wurfſpieß als Waffe führte, hatte ſich Coltern bis auf hundert Schritte genähert.
Von neuer Hoffnung belebt, verdoppelte der Gehezte ſeine Anſtrengun⸗ gen, die ſo gewaltig waren, daß ihm aus Mund und Naſe Blut floß. Schon hatte er nur noch eine engliſche Meile bis zum Fluſſe, als die Tritte des nächſten Verfolgers ihm lauter in's Ohr tönten. Ein verſtohlener Rükblik zeugte ihm denſelben nur etwa zwanzig Ellen entfernt und eben im Begriff, ſeinen Wurfſpieß zu ſchleudern. Colter hemmte ſeinen Lanf, ſchwenkte ſich um und ſtrekte die Arme aus. Der Wilde, erſtaunt über dieſe plözliche Bewe— gung, wollte gleichfalls Halt machen, um ſeinen Wurfſpieß nach ihm zu wer⸗ fen; aber ſeine Beine verwikelten ſich im Geſtrüpp, und er fiel zu Boden. Bei ſeinem Fall drang die Spize des Wurfſpießes in die Erde und der Schaft zerbrach. Ehe der Wilde noch ſich aufraffen konnte, ſtürzte Colter mit Bli— zesſchnelle über ihn her, entrieß ihm das Stük von dem Wurfſpieß, durch⸗ bohrte ihn und rannte dann mit erneuerter Gluth weiter.
Als die Indlaner bei ihrem todten Kameraden ankamen, verweilten ſie ein paar Augenblike, um die gewohnte Todtenklage zu heulen. Colter nahm ſich dieſe Zeit zu Nuze und gelangte an den Saum eines Waldes von Baum⸗ wollenſtauden, der am Fluſſe ſich hinzog. Er drang hindurch und ſtürzte ſich ins Waſſer. So erreichte er ſchwimmend ein kleines Eiland, an deſſen obe—
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