Jahrgang 
Band 1 (1837)
Seite
65
 
Einzelbild herunterladen

Kunst, Eleganz und Mode. Leßuter Sagegcug.

9. Mittwoch, 1. Februar. 1837.

Der Lebendig ⸗Todte. Novellette. i

(Nach einer franzöſiſchen Idee von Rudolf Hirſch.)

Venetias Doge Contarini, der ſich bereits zehn- oder fünfzehnmal mit dem Meere vermählt hatte, heirathete ſchon in ziemlich hohem Alter ſeiner Lebenstage eine Tochter der meeresgeborenen Stadt. Dieſe Dame war in Allem Venetianerin; der Augen Licht, der Sprache Klang, die ſtillverborgene wie in einem Vulkane kochende Leidenſchaftlichkeit charakteriſirten ſie.

Dem Dogen hatte die Jungfrau äußere Reize, Wiz, Jugend, aber auch eine gewiſſe dumpfe Trauer und Düſternheit zum Brautſchaze mitgebracht, der Doge aber gab ſeiner Gattin Alles hin, was das Alter der Jugend bieten kann. Der Doge war in Frankreich zu Verſailles auferzogen worden, hatte da als ein Kavalier gelebt, welcher blos die modernen Schattenſeiten des Adels beachtete, als Lüſtling, Praſſer, Intriguant kehrte er endlich nach Ve netia zurük, weihte ſein reiferes Alter Staatsdienſten, ward Doge und ſchloß endlich ein Eheband. 0

Von dem Momente an, als der Doge eine Gemahlin zur Seite hatte, ging ſein ganzes Streben dahin, ſich das Wohlgefallen Helena's zu erringen. Er bot Alles auf, um ihr zu gefallen, um ihr das Daſein ſo ſüß und won niglich vorbeiſchwinden zu laſſen, daß ihr Leben freudig und ſcherzend dahin glitte, wie eine venetianiſche buntgeſchmükte Gondel, die bei dem Klange ſchmelzender Barcaroler auf dem Silberrüken des Meeres tändelnd ſich ſchau kelt und einwiegt. Doch nicht vermochte des Greiſes Kälte, des Alters Eis der Dogareſſa Glut anzufachen. Das knochenarmige, kälteathmende, zahnloſe WeibLangeweile hielt die junge Frau, unter Sammt und Seide verhüllt, umfangen.

*