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und die Flamme ſoll dich nicht anzünden.“ Denn mitten in den größeſten Flammen blieb das Hemde, worin mein Kopf eingehüllet war, unangezündet. Einige dieſer Barbaren wurden wahrhaftig gerühret und erweichet, durch deren Betrieb endlich der Grauſamſte unter allen, ein grün gekleideter Koſake, mich vom Strike loß ließ, und wiewohl mit einem grimmigen Kantſchuhiebe über den bloßen Kopf, dimittirte. Und welche eine unausſprechliche Gnade, daß der allmächtige Arzt meine Schmerzen nicht allein gelindert, ſondern ganz und gar von mir genommen und mir, der ich in Jedermann Augen todt war, in kurzer Zeit Kräfte und Geſundheit wieder geſchenket, und die am neunten Tage erfolgte völlige Lähmung ſich auch völlig gehoben hat.
Der engliſche Barbier.
John Gread beſaß eine bedeutende Kundſchaft in London. Ganz Piccadilly war voll ſeines Lobes. Den 5. Okt. voriges Jahres hatte er einen heftigen Streit mit ſeinem einzigen Geſellen, der hierauf ſeinen Lohn verlangte und Greads Dienſte verließ. Der Geſelle eröffnete hierauf einen Laden, einige Schritt von dem ſeines alten Herrn. Erſt neun Tage darauf gelang es Gread, einen jungen Irländer, Namens Dick, zu finden, der ihm geſchikt ſchien, an die Srelle des entlaſſenen Geſellen zu treten. In den erſten Tagen betrug ſich der neue Ankömmlivg vortrefflich; allein bald nahm die Kundſchaft unmerk— lich ab. Da der Barbier nicht wußte, welchem Umſtande er dieſes zuſchreiben ſollte, ſo verdoppelte er ſeine Freundlichkeit gegen die Kunden und ſeine Thä— tigkeit zu gleicher Zeit. Alles umſonſt; jeden Tag machte er die traurige Er⸗ fahrung, daß der Bärte, die ſich ſeinen Händen anvertrauten, immer weniger wurden. Sonderbar war es in der lezteren Zeit zu bemerken, daß, wenn ein Fremder in Greads Laden trat, er gewöhnlich, ein Geſchäft vorſchüzend, fort— eilte und den erſtaunten Barbier mit Seife und Meſſer vergebens wartend da— ſtehen ließ. Dieſes Jortlaufen geſchah, aber nie während ſeiner Anweſen heit, ſondern ſtets wenn zer in das Nebenzimmer ging, um ſeine Geröthſchaften her— beizuholen. Dieſe Bemerkung erregte Verdacht in ſeiner Seele und er ent— ſchloß ſich, das Geheimniß bei erſter Gelegenheit zu durchdringen. Die Gele— genheit zeigte ſich bald hiezu.„1215
Ein junger Dandy trat in den Laden. John Gread that, als wollte er in das Nebenzimmer gehen, kehrte ſich aber plözlich um, und ſah nun, daß ſein Geſelle dem Fremden ein Papier in die Hand ſchob. Wie der Bliz hatte er ſich des Papiers bemächtigt und las folgende Worte: a
„Machen Sie ſich aus dem Staube, mein Herr hat Anfälle von Wahnſinn.“
Nun war Alles erklärt. John Gread warf ſich wüthend auf ſeinen Gehil—⸗ fen und der Fremde, der nun wirklich an des armen Mannes Anfälle glaubte, rief ängſtlich um Hilfe. Die Sache kam vor das Gericht von Marlborough— Street, und es ergab ſich, daß der junge Irländer von dem entlaſſenen Geſel—
len Greads beſtochen worden war, um ihm alle Kundſchaft zu entziehen. Man kaan denken, daß die hölliſche Liſt gelang, da ſich Niemand dem Raſirmeſſer eines Wahnſinnigen überlaſſen wollte. Beide, der entlaſſene Geſelle und der Irländer, wurden zu einem Jahre Gefängniß und zu einer ſolidariſchen Strafe bon zweihundert Pfund Sterling verurtheilt.


