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. luſtes, den ich jedesmal allein und zurükgezogen zuzubringen pflegte, welches mir auch bei dem Gouverneur— eines Jugendfreundes meines Gemahls— als Entſchuldigung, daß ich nicht dei dem Feſte erſchien, dienen mußte und Bil⸗ ligung fand. Als ich nach rükgekehrter Spazirfahrt mich in mein Voudolr zurükgezogen hatte, um meinen Gedanken ungeſtört nachhängen zu können, erſchien meine Kammerfrau, um mir zu melden, daß während meiner Abwe— ſenheit ein Beſuch da geweſen ſei. Ein Graf Don, der ſich jedoch ausgebeten, am folgenden Morgen ſeine Aufwartung machen zu dürfen.
„Graf Don!“ ſagte ich erſtaunt. Nie tritt aus langer Vergangenheit Alles ſo lebendig in der Erinnerung hervor, als wenn ſich uns eine Geſtalt vergegenwärtigt, die wir faſt ganz aus dem Gedächtniß verloren hatten; ſo war es mir mit dieſem Grafen Don. Dreißig Jahre— faſt ein Menſchenalter waren ſeit ſeiner Abreiſe vorübergezogen.
In Warſchau an unſer Haus empfohlen, war er unſer Tiſchgenoſſe und taͤglicher Geſellſchafter. Alle damaligen Umgebungen traten nun vor mein in— neres Geiſtesauge. Damals, erſt drei Jahre vermählt, jung, aufgewekt, lebensfroh, im Genuſſe des vollſten Lebensglükes, war ich das ſeligſte Geſchöͤpf auf Erden. Wir nannten den Grafen, wegen den Anklang ſeines Namens, nur den Spanier. Durch ſeine Geſichtszüge war er mehr abſtoßend als an— ziehend: eine platte Stirne, grünliche kleine Augen, das Geſicht voll Voken— narben, nebſt ſehr breiter Naſe, überdies von ſehr gebräunter Geſichtsfarbe, welche er ſich durch das ſtete Herumtrelben zu Pferde zugezogen hatte— Alles dies zuſammengenommen gewährte keinen angenehmen Eindruk. Dieſer Amti— Ganymed war jedoch durch ſeinen ausgezeichnet ſchönen Wuchs bemerkbar, der ihn zu einem vortrefflichen Tänzer und kühnen Reiter eignete; doch in Allem dieſen ſtand mein Gemahl als Meiſter neben ihm, und war an Geſichts⸗ zügen einer der ſchönſten Männer.
Graf Dons jugendlicher Uebermuth bedurfte zuweilen in die Gränzen der Vernunft zurükgewieſen zu werden. Dieſer Graf that mir nun die Ehre an, ſich in mich zu verlieben. Ich dachte nichts weniger, als daß ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit der Grund anderer Gefühle ſein könnte! Gefährlich konnte mir neben dem Gatten meiner Wahl und meiner erſten Liebe Keiner werden.— Da ich endlich die Leidenſchaft des jungen Mannes gewahr wurde, ſo ſchien es mir unedel, bei dem Mitwiſſen ſeiner Unbeſonnenheit, ihn länger um mich zu dulden, da er mir in ſeinem Umgange die nöthige Unbefangenheit raubte. Ich drang ernſtlich in ihn, nicht nur unſer Haus, ſondern auch die Reſidenz zu verlaſſen, ob er mich gleich verſicherte, er begehre keine andere Vergünſtigung, als nur mich zu ſehen, in mein klares Auge, in meine reinen Geſichtszüge, die keine Schminke zur Erhöhung der Schönheit bedürften, ſchauen zu können, und daraus Wonne für ſein durſtiges Herz zu ſaugen. Mit Würde und Ernſt— ſagte ich ihm meine Gegengründe und er war beſcheiden genug, die Wahrheit einzuſehen, wie auch dieſer Einſicht Folge zu leiſten und nach ſeinem Vater— lande zurükzukehren. Ich vermied es, Nachrichten von ihm einzuholen, was um ſo leichter war, da er bis an das Ufer des Stromes, der ſeinen Namen trägt— bis an den Don— gereiſet war. Zehn Jahre nach ſeiner Entfernung ein Zufall ſeinen Namen in Erwähnung; der Graf lebte damals glüt⸗ geehrt auf ſeinen Gütern, hatte geheirathet, um war Vater mehreret


