Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
825
 
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kennen lerne. Es werden hier akkre⸗ ditirte Gewohnheiten und ehrwürdige Intereſſen zu unſanft berührt, als daß nicht das Ganze auf die Gemüther der großen ſchauluſtigen Menge einen nachtheiligen oder gar widrigen Eindruk hervorbringen ſollte. Deut⸗ ſchen Leſern aber, die nicht nur Verlangen tragen, die Bekanntſchaft mit dieſer vielbeſprochenen franzöſiſchen Erſcheinung zu machen, ſondern ſich auch eine ergreifende und geiſtreiche Lektüre verſchaffen wollen, muß in ihren beengtern Zirkeln eine zwekmä gige deutſche Bearbeitung, die Geiſt und Sprache des Origlnals möglichſt wieder zu geben im Stande iſt, höchſt willkommen ſein. Wie leicht voraus⸗ zuſezen, und wie wir wiſſen, haben ſich bereits mehrere deutſche fingerfer tige Hände darüber gemacht, und ihre Produkte theils der Bühne theils der Preſſe zugedacht. Von der leztern Gat tung iſt uns bisher nur eines zu Ge⸗ ſichte gekommen, von Friedrich Sey bold(Stuttgart und Leipzig bei L. F. Rieger, 1855), das aber zu ſehr Spu⸗ ren einer eilfertigen und fahrläſſigen Behandlung an ſich trägt, als daß es nicht als leichte Fabrikarbeit gelten ſollte. Um ſo mehr aber müſſen wir vorliegende freie Uebertragung von Dr. Sigmund Saphir, nach ſorgfäl⸗ tiger Vergleichung mit dem Originale, jedem Leſer von Bildung und Geſchmak beſtens empfehlen. Viktor Hugo hat viel Eigenthümlichkeit in ſeinem Sty le. Er liebt die abgeſchloſſene Aus druksweiſe. Seine Säze ſind kurz, aber

voll Kraft und Energie. In vier Wor⸗

ten liegt ein Ideenreichthum. Vier Worte bilden eine mächtige rhetoriſche Figur und wir ſehen eine Fülle von Phantaſie, die weiter keine Inter punktion als den Schlußpunkt erfor⸗ dert. Die franzöſiſche Sprache aber iſt, vielleicht mehr als irgend eine,

fähig ſich in dieſer punktirten und pointirten Manier ſo ſchön zu bewegen. Die deutſche Sprache jedoch ſcheint am Unbehilflichſten dazu. Unſer Ueber- ſezer alſo handelte ſehr klug, wenn er dieſer unvergleichlich ſchönen fran⸗ zöſiſchen Proſa, anſtatt ſie durch ſkla viſche Wiedergabe zu verunſtalten, eine andere Schönheit entgegenſezte, näm⸗ lich: deutſche Jamben, die wir in doppelter Beziehung, als treff⸗ liche ſelbſtſtändige Schöpfung, und als im Ganzen möglichſt getreue Abſpiege lung des Gedankenreichthums des Ver faſſers, höchſt gelungen nennen. Herr Saphir war von ſeiner Aufgabe ganz durchdrungen und er löſete ſie mit der Begeiſterung, in die ihn ſolch ein Original nothwendigerweiſe verſezen mußte. Wir finden hier nicht nur die dramatiſchen Schönheiten, ſondern auch den lyriſchen Zauber von Hugos un⸗ vergleichlicher Proſa in flüſſige fünf füßige Jamben transferirt, und wenn wir gleich auf den eigenen Reiz der kurzgebundenen franzöſiſchen Senten⸗ zen verzichten müſſen, ſo erhalten wir doch eine deutſche Kernſprache, die in mancher Hinſicht Entſchädigung bietet. Der Herr Ueberſezer verdient alſo für ſeine ſchöne Arbeit unſern wärm ſten Dank. Möge er in ſeinem löbli⸗ chen Streben foͤrt fahren, und wir ſind überzeugt, daß er gewißkleine n⸗ gel, die Erſtlingswerken unvermeid lich anheften, in der Folge abſtreifen wird. Druk(der Ofner Univerſi täts⸗Buchdrukerei) und Papier ſind höchſt elegant. Der Preis(1 fl. C. M.) ſehr billig. J. Minder leeb. Dresden. Die hier erſcheinende Abendzeit ung zeichnet ſich vor vie⸗ len andern Journalen Deutſchlands durch Reichhaltigkeit und Gediegenheit der Beiträge ſehr vortheilhaft aus. Die vorzüglichſten Schriftſteller Deutſch⸗ lands ſind Mitarbeiter, und Novellen,