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ſche Epilepſie. Liebe und Ehe haben mit den Ehrenzeichen vieles gemeln, das heißt: ſie ſind allgemein.— Die Liebe iſt ein Herzenskreuz, die Ehe ein Haus⸗ kreuz.— Liebe iſt eine lichtüberglänzte reizende Landſchaft von Claude Lor— rain, Ehe ein wild gezaktes Felſenthal mit einem Gewitterhimmel von Sal⸗ vator Roſa.— Es war einmal ein langweiliger Nachmittag, da wußten Liebe und Ehe nicht, was ſie miteinander an fangen ſollten; in ihrer Noth griffen ſie zu den Inſtrumenten, und produzirten ein muſikaliſches Duo.— Liebe ſpielte die wie Geiſterhauch ſäuſelnde Flöte, Ehe die ſchnarrende Bratſche. Die Flöte-Liebe vermeinte, ſie, die Prinzipalſtimme, ſei der Bratſche⸗Ehe ſo noth⸗ wendig, wie dem Leben die Luft— die Bratſche-Ehe hinwiderum wähnte, die Flöte⸗Liebe wäre, wenn ſie ſpiele, nur als ein Luxusartikel zu be⸗ trachten.— Der Erfolg war demnach kein günſtiger, Liebe und Ehe wurden nie eins— die feurige Liebe kam immer zu früh— die Ehe zu ſpät.— Es gab Diſſonanz über Oiſſonanz— ſie ſpielten nie wieder zuſammen.—
Die Liebe iſt ein Manuſkript, das aufgelegt und gedrukt zu ſein wünſcht, die Ehe ein Cenſor, der ihr nach Umſtänden das Imprimatur gewährt oder verweigert.— Die Liebe iſt eine Seiltänzerin, feurig und mit der Farbe ewiger Jugend auf den Wangen, die von der blumigen Wieſe eine Aſzenſton nach dem Wunderdome des Himmels macht; die Ehe eine bleiche Wöchnerin⸗ wankend und ſchwankend, und eingeſchachtelt zwiſchen vier Mauerm—
Die ſchöne Frauenwelt liebt das Große und Edle, das heißt: dle großen Männer mehr als die kleinen, die Edelſteine mehr als die Pflaſterſteine. Vor Allem aber lieben ſie, wie ein beliebter Dichter ſagt: ihren Willen zu haben.— Die Gold- und Edelſteinhändler ſind in der Regel die unterrichte ſten Phyſiker, denn ihnen ſind in der Natur Geheimniſſe erſchloſſen, die den berühmteſten Profeſſoren oft terra incognita ſind. Sie wiſſen, daß Gold une Herzen mit einander im magnetiſchen Rapporte ſtehen und kennen die telluri— ſchen Einflüſſe auf ſie.— Die Herzen ziehen Gold an, Gold zieht die Hers zen an.—
Die Liebe iſt ferner, meine hochgeehrten Zuhörer und Zuhösrerinen, eine goldene Brüke: man wähnt, ſie führe in das himmliſche Eden oder in Hesperiens Zaubergärten, in welchen die Aepfel vom geſchlagenen Golde wach ſen. Wer das glaubt, iſt auf das Haupt geſchlagen— ſie führt Euch öfters in die Ehehöhle des Trophonikus: hinein geht man wenigſtens zum Theil verſtändig— zurük kehrt man ohne Verſtand; hinein geht man beſchuht, her— aus kömmt man bepantoffelt.— In einem Punkte nur ſind Liebe und Ehe ſich gleich— beide lieben die Di- amanten zwar nur als glänzendes Spielzeug, aber ſie prahlen gerne damit. Dieſes und vieles Andere, melne geneigten Hörer und Hörerinen, könnte ich Ihnen nach meinem Abſcheiden zur beliebi— gen Erbauung brieflich hinterlaſſen, hätte ich nicht ſtets übergroßen Re— ſpekt vor den Briefen gehabt. Beſonders bebünken mich dreierli Arten von Briefen gefährlich: Ausforderungsbriefe, Liebesbriefe und Ehebriefe. Ein Aus forderungsbrief iſt ein ſinnig zartes Bekennntiß eines Raufbolds an ſeine Verwandten im Tollhaus; ein Liebesbrief iſt ein kaligraphirtes Prachtexem— plar eines zärtlichen Stuzers; ein Ehebrief aber iſt ein Solowechſel, de ſſen Ausſteller inſolvent iſt, oder das memento mori am Kirchhof der Liebe.


