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Stirn wie Purpur, ein kalter Schweiß troff auf ſeine Hände nieder, und alle die mißgeſtalteten Gliedmaſſen ſeines Leibes verzerrten ſich krampfhaft. Wenn dann Miß Jenny an ihm vorüberging, wenn er ihre Geſchenke empfing, wenn ſie ihm mit ihrer ſanften Stünme guten Tag ſagte, dann pochte ſein Herz in ſo ſtarken Pulsſchlägen, als wollte es ſeine Vruſt zerſprengen, und er kniete nieder, indem er Gebete herſtammelte, wobei er aber nicht mehr wußte, ob es Gott oder jener Engel ſei, den er in ſeinem Herzen anbetete.
Eines Tags kam Miß Jenny in die Kirche, mit Thränen in den ſchönen Augen; ein unausſprechlicher Kummer malte ſich in allen ihren Zügen, als wenn ihr ein großes Leid widerfahren wäre.„Jacques,“ ſagte ſie zu dem Vett— ler,„ich kann dir fernerhin nichts mehr geben, denn ich bin eine arme Waiſe geworden, und noch ärmer, als du. Seit einem Jahre hat Madame N. nichts mehr von meinen unbekannten Gönnern gehört. Sie hat es immer vor mir geheim gehalten, aber durch Zufall habe ich es geſtern erfahren. Ich bin ein armes Mädchen, das man aus Mitleid nicht Hungers ſterben laſſen will; aber ich habe geſtern meinen Muſiklehrer verabſchieden müſſen.“ Nach dieſen Worten ging ſie vorüber und kniete unter ihren Mitſchülerinen vor dem Altar nieder. Des andern Tages waren bei der Portieère der Madame N. dreitauſend Fran— ken deponirt, ohne daß man die Perſon geſehen, welche ſie gebracht hatte. Auf dem Beutel, worin das Geld enthalten, ſtand: Für Miß Jenny R... Das dauerte vier Jahre ſo fort, während welcher Miß Jenny, die ihre frühere Ruhe und Fröhlichkeit wieder gefunden hatte, und auch wieder in den Beſiz ihres Piano's gekommen war, niemals verſäumte, jeden Sonntag ihrem Schüz⸗ ling in Notre-Dame ein Zehnſousſtük und die andern kleinen Geſchenke zu geben, woran ſie ihn gewöhnt hatte. Nach Verlauf dieſer Zeit wurde Jacques Permanon krank und kam nicht mehr in die Kirche. Miß Jenny war ſehr be— trübt darüber, ihn nicht mehr zu ſehen, und erhielt von Madame N. die Er— laubniß, ihn in Begleitung einer Aufſeherin zu beſuchen. Mit vieler Mühe machte ſie die Wohnung Jacques Permanons ausfindig, und trat endlich in einen ſchwarzen, ſchlechtverwahrten Speicher, wo ſie Jacques auf einem elen— den Strohſake liegend fand. Jacques wurde beim Anblik Jenny's ſo gerührt, daß er die Beſinnung verlor und es ihn beinahe das Leben gekoſtet hätte. „Kind,“ ſagte er endlich, als er wieder zu ſich gekommen war,„Jeſus und die heilige Jungfrau ſchiken dich hieher, um mir mein Ende glükſelig und ſanft zu machen. Wenn ich dich nicht mehr geſehen hätte, wäre ich mit ver— zweifeltem Herzen geſtorben; jezt ſegne ich Gott und ſeine unendliche Güte.“ — Bei dieſen Worten zog er ein ſorgfältig verſiegeltes Papier unter ſeinem Kopfkiſſen hervor, überreichte es dem jungen Mädchen und nahm ihr das Ver⸗ ſprechen ab, daß ſie es ſorgfältig aufbewahren und erſt nach ſeinem Tode er⸗ brechen wolle.„Das iſt mein lezter Wille, den ich erfüllt ſehen möchte, wenn ich nicht mehr am Leben bin, und wenn du es nicht thuſt, wer ſonſt in der Welt ſollte wohl daran denken, den lezten Willen eines armen Bettlers zu erfüllen?“— Jenny verſprach ihrem Schüzling Alles, was er verlangte, und als ſie am folgenden Tage ihren Beſuch erneuerte, fand ſie ihn mit dem Tode ringend. Er ſtarb wenige Augenblike nach ihrer Ankunft, die ſchöne Hand Miß Jenny's in ſeinen kümmerlichen Händen haltend. Den Tag darauf öffnete Miß Jenny mit naſſen Augen und betrübtem Herzen äber den Verluſt ihres


