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keine Kinder haben, wiſſen ein Auskunftmittel: ſie miethen ſich welche, und das iſt in Paris ein ſehr bekannter und ordentlicher Handel. Je nachdem die Kinder bläſſer, ärmlicher und elender ausſehen, zahlt man dafür einen deſto ſtärkeren Miethzins; man entrichtet dafür eine tägliche Summe, welche je nach Umſtänden von zehn Sous auf drei Franken ſteigt; wenn ein Kind täg⸗ lich drei Franken eintragen ſoll, ſo muß es ſchon halb todt ſein. Diejenigen, welche eine ganze Familie miethen, erhalten einen verhältnißmäßigen Rabatt, und der Dreizehnte wird jedesmal darauf gegeben. Doch genug! Das Alles iſt ſchreklich, aber man muß es ſagen, daß es ſo iſt, und die Menſchen ſind dazu geboren, daß es ſo iſt. Das geht Alles ganz nach der Ordnung, ganz nach der einmal beſtehenden Ordnung.
Zu Schluß will ich hier die Geſchichte eines Pariſer Bettlers, Namens Jacques Permanon, mittheilen, welcher den Kirchgängern von Notre-Dame Weihwaſſer zu reichen pflegte, und von dem die Journale der Reſtauratlons— periode oft geſprochen haben. Jacques Permanon war ein kleiner, bukliger Zwerg, höchſtens dritthalb Fuß hoch, der über zwei an einen winzigen Körper befeſtigten Armen einen ungeheuern Kopf ſchaukelte; dieſer Körper hatte keine eigentlichen Beine, ſondern nur zwei rieſenmäßige Füße, deren Knöchel aus der Gegend der Weichen hervor wuchſen. Hoch auf einen Schemel gepflanzt, welcher ihn gegen die Kälte ſchüzte und ihn außerdem den Eintretenden be merkbar machte— denn Viele würden oft an ihm vorüber gegangen ſein, ohne nur daran zu denken, ſo tief auf die Erde zu bliken— ſagte Jacques Permanon ſeine lateiniſche Gebete mit einer Eleganz in der Diktion und einer Reinheit in der Ausſprache her, wie man es unter Leuten ſeines Standes und Gewer— bes ſelten anzutreffen pflegt. Er radbrechte nie die lateiniſchen Worte des Pa— ter noſter und des Ave Maria, und gab jeder Formel des Credo einen Aus— druk, welcher augenſcheinlich bewies, daß er den Inhalt ſeiner Worte verſtand. Auch bemerkte man, daß er nicht ohne eine gewiſſe Eleganz den Damen ſeinen mit Silber ausgelegten elfenbeinernen Weihwedel reichte und vor ihnen mit vielem Anſtand ſeinen ſtets reinlich gehaltenen und zierlich friſirten Lokenkopf verneigte. Was ſeine Kleidung anbelangt, ſo beſtand dieſelbe in einem grünen Oberroke, welche immer neu, glänzend, ohne Fleken und ſehr weit war, ſo daß der ganze Mann darin ſo ziemlich ausſah, wie ein auf einen mit grünem Tuch bedekten Tiſche geſtellter Kopf.— Unter den Perſonen, welche Jacques Permanon Almoſen gaben und ihre Fingerſpizen an ſeinem geſegneten Weih— wedel benezten, befand ſich auch ein ganzes Penſionat junger Mädchen, welches von Madame N., die gegegwärtig noch lebt, geleitet wurde.— Unter der Reihe von entzükenden weiblichen Geſtalten, welche dieſe Anſtalt aufzuweiſen hatte, bemerkte man beſonders eine junge, blonde, blaſſe Engländerin, deren ſchöne Haare ſich in prächtiger Lokenfülle unter ihrem Hute hervordrängten, wie ſehr ſie ſich auch Mühe geben mochte, dieſelben darunter zu verſteken. Es war eine arme Waiſe, für welche fünfzehn Jahre lang eine unbekannte Perſon mit großer Genauigkeit die nicht unbeträchtlichen Penſſonsgelder bezahlt, und außerdem noch ſoviel hinzugefügt hatte, als nöthig war, um die Privatſtun— den des Muſiklehrers zu berichtigen, was für das junge Mädchen nicht verlo— ren war, denn es hatte binnen kurzer Zeit große Fortſchritte in der Muſik gemacht. Die Muſik bemächtigte ſich daher ganz dieſer jungen, zärtlichen Seele,


