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leben muß, ſelbſt wenn man nicht mehr im Gefängniſſe ſich befindet, ſo ver— ſinkt die größere Hälfte jener Unglüklichen, wenn ſie ſich nicht früher oder ſpäter um's Leben bringen, in Ausſchweifungen aller Art, bis die mitleidige und weiſe Juſtiz ſie für ihre ingeniöſen Streiche in die Force, von da auf die Galeeren und von dieſen auf's Schaffot geleitet.
(Fortſezung folgt.)
Van Dyck, der Schüler Rubens.
Eines Tages, als Rubens ausgegangen war, um friſche Luft zu ſchöp fen, giug Van Dyk wit ſeinen Mitſchülern in das Kabinet ihres Meiſters, um zu ſehen, wie er arbeite. Da ſie ſehr nahe an das Bild traten, um es genauer beſehen zu können, fiel einer, den ein anderer ſtieß, auf das Gemälde und wiſchte dabei den Arm der Magdalena und die Wange und das Kinn der heil. Jungfrau ab, welche Rubens eben erſt gemalt hatte. Die Schüler waren in großer Verlegenheit und einer von ihnen ſagte:„Wir müſſen, ohne Zeit zu verlieren, Alles wagen. Wir haben ungefähr 3 Stunden; der Fahigſte von uns mag verſuchen, das Verwiſchte wieder herzuſtellen; ich gebe meine Stimme dem Van Dyck.“ Alle ſchenkten dieſer Wahl ihren Beifall, nur Van Dyck zwei⸗ felte am Erfolge, nahm aber doch nach vielen Bitten den Pinſel und malte ſo gut, daß Rubens am andern Tage, als er das Gemälde beſah, in Gegenwart ſeiner ängſtlichen Jünglinge ſagte:„Der Arm und der Kopf da ſind beſſer, als ich ſie geſtern meiner Meinung nach gemalt habe.“ Dieſes Gemälde, eines der ſchönſten von Rubens, iſt eine Kreuzes abnahme und befindet ſich gegen⸗ wärtig in der Kathedrale zu Antwerpen.
Sers fen in Jodie n.
In dem rohen Lande, das der berühmte Runſchit Singh in Oſtindien regiert, wird Niemand durch das Geſez getodtet; die Delinquenten verlieren bisweilen die Naſe oder die Ohren, aber nie den Kopf. Eine andere gewöhn— liche Strafe iſt die Verſtümmelung der Hände. In ſchweren Fällen, oder bei wiederholten Verbrochen wird die Achillesſehne(hinten an der Ferſe) durch⸗ geſchnitten. Allard(ein franzöſiſcher Offizier, der Generaliſſimus des Heeres jenes Fürſten geworden iſt und ſich gegenwärtig zum Beſuch in Frankreich be⸗ findet) ſah einen Unglüklichen, den Runſchit Singh zu dieſer Strafe verur— theilte. Er war ein Räuber, dem er bereits be de Hände hatte abhauen laſſen. Dennoch konnte derſelbe ſeiner Beſchäftigung nicht entſagen; er hatte ſich eine Lanze an den Arm binden laſſen, mit dem linken hielt er den Zügel ſeines Pferdes und ſo ritt er, die Reiſenden plündernd, auf den Straßen umher. Er wurde wiederum eingefangen und vor den König gebracht, der ihm diesmal die Achillesſehnen durchſchneiden ließ. So verſtümmelt mußte ſich der Straßenräuber mit der Penſion begnügen, welche Runſchit Singh allen Unglüklichen gibt, welche ſeine Gerechtigkeit außer Stand geſezt hat, ihren Lebensunterhalt auf Koſten der Uebrigen zu erwerben.


