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kannſt einen vortheilhaften Stand ergreifen; mit einem Beine biſt du ſicher, deinen Weg und dein Glük zu machen.“
Wahrlich, obſchon man in unſern Tagen der individuellen Freiheit, wo man gerne noch neue Laſten auffinden möchte, um wenigſtens das Vergnügen zu genießen, ſie abzuſchütteln, obſchon man in unſern Tagen, meine ich, mit ungünſtigem Auge jeden Vorſchlag betrachtet, welcher irgend einer Art von Induſtrie Zwang und Hemmung auferlegt, ſo wünſchten wir doch, daß jenen mißgeſtalteten Krüppeln ihr Handwerk von Polizei wegen gelegt, und daß jene Fezen von Menſchen, welche die Luft verpeſten und den Glanz der Sonne zu trüben ſcheinen, in ein eigenes Lokal untergebracht und dort auf Staatskoſten ernährt würden. So iſt z. B. auf den hieſigen Boulevards, einer der ſchön— ſten Promenaden der Welt, die Bettelei eine wahrhafte Eiterbeule, welche jedem Fremden dieſen Aufenthalt verleidet. Mag man ſich vor ein Caf hinſe— zen, oder auf den Trottoirs auf und ab gehen, ſie folgt einem auf der Ferſe nach, wie ein Geſpenſt, das Hunger leidet, deſſen gieriger Blik einen ver— ſchlingen möchte, und welches die Mildthätigkeit und Barmherzigkeit der Leute durch ekelhafte Mittel zu erſchleichen ſucht. Wie froh iſt jener Elende, wenn eine vornehm gekleidete Dame, die zu Fuß über die Boulevards geht, zufällig mit ihrem atlaſſenen Kleide ſeine Lumpen ſtreift, plözlich einen Schrei aus— ſtößt, eiligſt ihre Börſe auſſchnürt und ihm ein Geldſtük zuwirft! Wie ſehr bedauert man in ſolchem Falle, keine Equipage zu haben, denn in dem Ideen— gange des Pariſer Bettlers von Profeſſion liegen die Begriffe von Elend und Diebſtahl nahe bei einander, ohne daß dieſer Unglükliche bedenkt, daß eine elegante, anſtändige Kleidung für den Gauner in Paris unerläßlich iſt. Im vorigen Winter ſah man auf den Boulevards am Fuß eines Baumes ein klei⸗ nes, halbnaktes und vor Froſt faſt erſtarrtes Kind ausgeſezt; es, war ſicher keine zwei Jahre alt. Zu ſeiner Seite ſtand eine blecherne Büchſe, in welche die Vorübergehenden ihre Gabe warfen. Dieſe Spekulation ſcheint guten Er— folg gehabt zu haben; denn kurze Zeit darauf ſah man an verſchiedenen Or— ten der Boulevards ſolche halbnakte, blaugefrorne Kinder am Fuß der Bäume ausgeſezt. Der Spekulant hielt ſich in der Nähe und beobachtete, oder, wenn ſeine Mittel es ihm erlaubten, mehrere Kinder an verſchiedenen Bäumen zu halten, ſo ging er von einem zum andern, um die Almoſen einzuſammeln und ſeinen Vortheil zu wahren. Dieſem ſchändlichen Mißbrauch hat jedoch die Po— lizei dieſes Jahr geſteuert. In den Sommertagen ſieht man oft ganze Fami— lien auf den brennenden Steinen der Voulevards-Trottoirs ihre armſeligen Sprünge und Kunſtſtüke machen, und am Abend ſind die Thüren der Kaffe— häuſer ſtets von einem Schwarm armer Teufel belagert, welche, den Tod auf den Lippen, für einen Sou zehn Minuten lang ſingen und noch dabei lachen, wenn man ſo unmenſchlich iſt, es zu verlangen. Die vorſchnelle Reife des Un glüks und Elends hat jene Bettlerkinder vor der Zeit grau und alt gemacht. Von Zeit zu Zeit ergreifen die Sergens de ville einen jener armen Würmer und ſtellen ihn wegen Vagabondage vor das Zuchtpolizeigericht; aber nach acht Tagen kommen ſie wieder zum Vorſchein, bereichert mit den nobeln Bekannt- ſchaften der Polizeiprefektur und eingeweiht in die erſten Kunſtgriffe, welche der Auswurf und Abhub der menſchlichen Geſellſchaft ſeine Wiſſenſchaft nennt. Da man nun doch, wie der ſchneidende Veaumarchais ſehr bitter bemerkt, auch


