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cherlei Talente verbinden, welche z. B. in Ermanglung der Arme mit dem Bauche ſchreiben u. ſ. f. Jener Mann, dem ich ſo oft in der Straße begegne, der weder Arme noch Beine, ſondern bloß eine Art von Kopf und einen Rumpf hat, und vermittelſt einer beſondern Vorrichtung mit ſeinem verſtümmelten rechten Arm den Leierkaſten dreht, iſt reicher, als viele meiner Leſer und ich jemals ſein werden. l
Vor mein Haus kommen verſchiedenemale des Tags herumziehende Sän— ger und Muſikanten; jeder dieſer Bettler ſammelt während der Viertelſtunde, die er ſein Talent glänzen läßt, doch faſt immer gegen zehn Sous ein, welche ihm aus den Fenſtern der Nachbarhäuſer zugeworfen werden. Wenn er auf dieſe Weiſe nur acht Stunden des Tags über arbeitet, ſo gewinnt er täglich gegen zwölf Franken, was ihm eine jährliche Einnahme von 4000 Franken ausmacht. Ich bin aber feſt überzeugt, daß es Tauſende von Familien unter den kleinen Beamten und Angeſtellten gibt, welche mit 1000 Franken das Jahr hindurch auskommen.
Es gibt in der Welt keine ſo kleine Tafel, von der nicht einige Bro⸗ ſamen abfallen, es gibt keinen noch ſo armen Teufel, der nicht ſeine Schma⸗ rozer hat. So gibt es hier Leute, welche von dem Almoſen der Bettler leben und bei dieſem Handwerk ein ganz erträgliches Auskommen haben. Wenn ein Blinder oder Lahmer keinen Hund hat, der ihn durch die Straßen der Haupt⸗ ſtadt führt, ſo nimmt er eine Frau als Führerin an, der er täglich zwanzig Sous nebſt Nahrung gibt, was man monatlich zuſammen auf ſechzig Franken anſchlagen kann. Nun findet man aber gewiß viele alte, in den Ruheſtand verſezte Soldaten, welche ſich mit weniger behelfen müſſen. Wie viele arme Studirende gibt es nicht, welche nach Paris kommen und dort während ihrer Studienjahre mit ſechzig Franks monatlich ſich durchſchlagen, welche ſie durch griechiſchen und lateiniſchen Unterricht ſpärlich und kümmerlich nebenher ge— winnen. Es iſt ein trauriges Loos, wenn die Muſenföhne ſelbſt an den Brunnen gehen und Waſſer holen müſſen, und wenn es ſich am Ende des Mo⸗ nats nach einem gewiſſenhaften Ueberſchlag findet, daß es der Tage im Monat mehr gegeben, als der Mittageſſen!
Der Bettler lebt ſo zu ſagen von einer fortdauernden, allgemeinen Sub ſkription, wie man dergleichen wohl nach dem Tode eines großen, berühmten Mannes, der Hungers geſtorben iſt, zu veranſtalten pflegt, um ihm ein präch⸗ tiges Grabdenkmal von Marmor zu errichten. Inmitten dieſer unaufhörlichen Regſamkeit, inmitten all dieſer Thätigkeit der Geſellſchaft, um die Bedürf— niſſe eines Lebens voller Mühe und Leiden zu befriedigen, bleibt der Bettler allein unthätig und ſtellt ſich ruhig an eine Straßeneke oder an einen Kirchen— pfeiler in den Sonnenſchein oder in den Schatten; alle Vorübergehende, wel⸗ che zu ihren Geſchaͤften eilen, ſind ſeine Zinspflichtige; ſie arbeiten mit für ihn und zahlen ihm ihren Zehnten. Ein Bettler, welcher ſich mit equilibri⸗ ſtiſchen Kunſtſtüken ernährte und ſauer dabei ſein Brod erwarb, ließ eines Tags ſein kleines Kind zur Erde fallen, welches durch den Fall das Bein brach; er hob es auf, umarmte es mit Freudenthränen in den Augen und rief einmal über das andere aus:„Von Stund an biſt du geborgen, du ar⸗ mes Würmchen, von nun an bin ich für deine Zukunft außer Sorgen, du


