778 2 —
riſche Geſichter ſehen. Leute comme il faut, ſagte mir neulich ein Kabriolet— kutſcher, bezahlen für jede Fahrt immer noch fünf Sous über den Tarif, und was thut der arme, eitle Menſch nicht, um ſeinen Stand geltend zu machen, ſelbſt wo er nicht auf Dankbarkeit und Anerkennung rechnen kann?— Auf dem Pont royal, im Angeſicht des Pavillon Marſan, der von der königlichen Familie bewohnt wird, ſteht Jahr aus, Jahr ein, ein alter Soldat, ruhig und ſtarr, wie in Erz gegoſſen, ein lebendes und doch gleichſam lebloſes Mo— nument aus der Napoleoniſchen Zeit; eine über ſeine Bruſt hängende Tafel meldet in großen Buchſtaben ſeine Anſprüche an die Mildthätigkeit der Vor— übergehenden, und an ſeiner linken Seite hängt eine blecherne Büchſe, die Gaben guter Menſchen zu empfangen; denn ſeine beiden Arme, die er ſchlaff herunterhängen läßt, ſind verſtümmelt. Ich ſab ihn oft unter dem regen Wo— gen der Menge einſam und verlaſſen daſtehen, ein Bild ſeines großen, unſterb— lichen Feldherrn auf dem Felſen von Sankt Helena. Tauſende eilten in ge⸗ ſchäftigem Treiben oder in der Gedankenloſigkeit des Müßiggangs vorüber; Viele bemerkten ihn nicht, Wenige erbarmten ſich ſeiner; aber nie horte ich einen Laut der Klage, nie ein bittendes Wort aus ſeinem Munde. Mit der nämlichen ſtoiſchen Größe endete Napoleon auf ſeiner einſamen Inſel, ein war nendes Bild für alle Herrſcher, die, auf den Schultern des Volks empor⸗ getragen, ihres Urſprungs vergeſſen.
Außer dieſen wirklich hilfsbedürftigen und, wenn ich mich ſo ausdrüken darf, anſtändigen Bettlern, gibt es nun aber in Paris noch eine g An⸗ zahl von Leuten, welche aus dem Betteln ein Gewerbe machen und e iche Bettler von Proſeſſion ſind. Dieſer erbärmliche Stand iſt hier einträglicher, als man glaubt; es gibt ſchwerlich ein Handwerk, welches bei ſo wenig Mühe und Anſtrengung ſo viel einbringt, und dieſe Ausſicht lokt den Müſſiggänger und Tagedieb. So ein Bettler von Profeſſion gewinnt den Tag über wenig⸗ ſtens drei oder viermal ſo viel, als der fleißigſte, thätigſte Arbeiter, und der Bettler iſt um ſo viel reicher, als er der Natur ſeines Standes nach ſich man cher Ausgaben überhoben ſieht, welche der Arbeiter machen muß. Dieſer klei— det ſich anſtändig und hat eine eigene, reinliche Wohnung; jener begibt ſich des Nachts in eine der öffentlichen Schlafſtätten, wo er ſür einen Sou ſein Nachtlager findet, reine Wäſche zu haben, gilt bei ihm für Luxus und Vor— urtheil, und er legt nur die Kleidungsſtüke an, welche nothwendig ſind, wenn er nicht die öffentliche Moral beleidigen und mit der Polizei zu ſchaffen haben will. Er trägt einige Lumpen, welche eine Art von Jake und Hoſe vorſtellen ſollen, und ſeine Fußbekleidung findet er an der erſten beſten Stra— ßeneke. Um zu eſſen, zu trinken und ſeine Familie reichlich zu ernähren, be— ſizt er demnach vier oder fünfmal ſo viel Geld, als der Arbeiter, welcher vier und fünfmal ſo viel Bedürfniſſe hat, und iſt deshalb acht und zehnmal rei— cher, als dieſer. Diejenigen von den Pariſer Bettlern, welche ſo glüklich ſind, irgend ein Talent oder ein körperliches Leiden zu beſizen, gelten für beſonders reich und vom Himmel geſegnet. Gaudeant bene nati! Dahin gehören die lahmen oder blinden Violinſpieler, Klarinetbläſer oder Bänßelſänger, die einarmigen Leiermänner, die Krüppel an Beinen und Schenkeln, welche, in einer Mulde ſizend, fortrutſchen und allerlei equilibriſtiſche Kunſtſtüke machen, ohne noch diejenigen zu nennen, welche mit ihren körperlichen Gebrechen man⸗


