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geſſen, daß ſie ein Vermögen von zwanzigtauſend Pfund bat, ganz unabhän— gig von meinem Oheim, dem Doktor.“—„Sprich mir nicht von ſchlecht em Gelde, ich dürſte nur nach näherer Bekanntſchaft mit dieſer Göttin der Lieb— lichkeit und Unſchuld,“ verſezte Pritcheraft, innerlich gar nicht unzufrieden, daß ſo hübſches Vermögen in der Familie ſei.„Schlechtes Geld? nichts dergleichen!“ rief Harry Lovegrove;„reines, gutes Geld in dreiprozentigen Konſols. Als wahrer Freund rathe ich dir, vernachläſſige meine Tante Love— grove nicht.“—„Aber um nichts in der Welt, liebſter, beſter Freund,“ er— widerte Pritcheraft,„möchte ich dir in's Gebege kommen. Vei ſolchen Aus— ſichten auf Reichthum und Seligkeit fühlſt du vielleicht ſelbſt ein gewiſſes At⸗ tachement an deine junge Verwandte— laß uns ehrlich gegen einander ſein.“ —„Sei ganz ruhig, liebſter Vritchcraft,“ ſagte der Andere,„ich hatte nie die Abſicht, mich mit dieſem Theile meiner Familie enger zu verbinden. Ver— ſuche kek dein Glük; bedenke die zwanzigtauſend Pfund, und ſſeh, ich wette zweihundert Pfund, daß, ehe vier Wochen vorüber find, du meiner Tante Love— grove zwei Heirathsanträge gemacht haſt.“—„Voſſen!“ entgegnete Pritch— craft;„Deiner Tante Lovegrove—“—„N'importe,“ verſezte Harry;„ich halte dir die Wette: einhundert Pfund für jeden Heirathsantrag; willſt du, oder willſt du nicht?“—„Nun gut,“ erklärte Pritcheraft,„es klingt freilich wie ein Spaß; indeſſen da du, was weltliche Angelegenheiten anlangt, um Vieles beſſer daran biſt, als ich, und vielleicht aus Mitleid Luſt haſt, mir auf anſtändige Manier eine Banknote von zweihundert Pfund zu ſchenken, ſo nehme ich die Wette an.“—„Abgethan!“ rief der Andere, ergeiff Papier und Feder und zeichnete ſofort das Nähere der Wette auf.
Da Pritcheraft ein völlig müßiger Menſch war, den weder Beruf, noch Geſchäft, ja nicht einmal eine Eintadung in London feſthielt, ſo theilte er ſeinem Freunde den ſchnell entworfenen Plan mit, ohne Zeitverluſt nach dem Badeorte zu reiſen, in deſſen Nähe ſeine! Hochwürden, Herr Dr. Lovegrove wohnte. Harry billigte den Entſchluß, gab ihm ein kurzes Empfehlungsſchrei— ben an ſeinen Oheim und bemerkte zugleich, daß ſeit Kurzem ein herrlicher Eilwagen dorthin gehe. Auf Pricherafts Bitte notirte er ihm auf die Rük— ſeite einer Karte das Bureau, die Straße u. ſ. w., und begleitet von ſeines Freundes herzlichſten Wünſchen eines glüklichen Erfolgs, eilte jener vergnügt wie ein Gott davon.
Welch warmer und enthuſiaſtiſcher Verehrer weiblicher Schönheit Pritch— craft auch immer geweſen und noch war, und wie ſehr er ſich auch von der lie— benswürdigen Spaziergängerin in Kenſington-Garden wirklich bezaubert glaubte, geläugnet kann doch nicht werden, daß der Eifer, mit welchem er jezt ſeinen Plan verfolgte, durch die Ausſicht auf die ſo glükliche Vereinigung von Reich⸗ thum mit perſönlichen Reizen einigermaßen erhöht wurde. Pritcheraft war in derartigen Fällen ein ſchneller Rechner, ein ſanguiniſcher Spekulant; er hatte, wie früher angedeutet, von ſich, ſeiner Perſon, ſeiner Liebenswürdigkeit und ſeinen Talenten eine durchaus gute Meinung. Die Natur iſt gerecht in allen ihren Werken; es iſt wahr, ſie hatte unſerm Helden die Vorzüge eines ein— nehmenden Aeußern verſagt, aber ſie hatte ihm dafür die Fähigkeit verliehen, in dieſer Beziehung ganz verſchieden von andern Menſchen zu urtheilen. Nächſt— dem beſaß Charles Pritcheraft, ſobald er es einmal auf etwas abgeſehen hatte,


