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Die Vogel mutter.
In Quesnoy lebt eine dike Frau, die alle Jahre einige Rebhühnereier in ihren Buſen legt, wo ſie in rechter Zeit ausgebrütet werden. Die kleinen Rebhühner erkennen ſie auch als ihre Mutter an, folgen ihr überall hin, wo— hin ſie wünſcht und gehorchen ihrem Rufe. Sie ſind ſo zahm, daß ſie Nah— rung ſuchend vor dem Hauſe herumgehen und ſich vor Niemand fürchten. Die ganze Stadt kennt ſie deshalb und ſelbſt die Gaſſenjugend ſchont ſie. Aber noch merkwürdiger iſt, daß der Jagdhund der Familie mit den Rebhühnern ganz vertraut lebt, ſelbſt wenn ſie groß ſind. Man ſieht oft eine auf dem Hunde ſtehen, wenn dieſer in den Sonnenſtrahlen liegt, und er läßt ſich von
ihnen in die Ohren piken, ohne den Vögeln etwas zu Leide zu thun.
Theater.
1 Peſth(17. Nov.). Am 12 und
16. d. M. kam Neſtroy's„Zu ebener Erde und erſter Stok, oder die Lau— nen des Glüks“ zur Aufführung. Die meiſten Wiener Blätter erſchöpften ſich dergeſtalt in dem Lobe dieſer Lokal— poſſe, daß wir in der That hier etwas ganz Beſonderes erwarteten, etwa ei— nen Phönix, der aus der Aſche der ſchon längſt zu Grunde gegangenen Wie— ner Volkskomik entſtanden. Allein, was dieſem Produkte vorzüglich fehlt, iſt, wie allen Werken Neſtroy's— Originalität. Sie fehlt in der Haupt⸗ idee, ſie fehlt in den Details. Der Geiſt der Darſtellung mag die Wiener Beurtheiler einigermaßen berükt haben, allein hier erſchien dieſer Geiſt in et— was verdünnter Natur, und wir blie— ben nüchterner,— und zwar ſo nüch— tern, daß uns noch die Einſicht übrig blieb, daß ein Scholz und ein Ne— ſtroy mit ihrem unverſiegbaren Humor uns hier auch nicht viel anhaben wür— den. Die Fabel des Ganzen baſirt fich auf den in einem Rahmen zuſammen— geſtellten Kontraſt des Mangels und der Verſchwendung. Es ſind Bilder
aus dem Leben eines Glükspilzes und
einer verarmten Trödlerfamilie, die beide durch des Glükes Launen ſt e i⸗ gen und fallen. Die Lotterie ſpielt hier, wie im„Lumpacivagabundus“ den Deus ex machina. Die Grundidee und ſelbſt Mehreres aus der Szenerie der Poſſe erinnern ſehr an eine vor mehreren Jahren in der Joſephſtadt gegebenen Piece:„Von Federn auf Stroh“(wir glauben von Roſenau) z einige Charaktere gleichen ſtark jenen des Raimund'ſchen„Verſchwenders.““ Daß die Poſſe übrigens nicht ohne Verdienſt iſt, geben wir gerne zu; aber zur Klaſſizität(22) gehört noch etwas Anderes. Der Dialog iſt wirk— lich gut, voll treffenden und pikanten Wizes, nur würden wir gerne die dikhäutigen Zoten, die ſich ſo ſehr ge— gen den guten Geſchmak und die ſein ſollende moraliſche Tendenz des Gan— zen vergehen, daraus verbannen. Die Situationen ſind zwar nicht neu, aber ſehr effektvoll. Die Muſik von Adolf Müller iſt faſt ganz ohne Werth und blieb ohne Wirkung. Das Ganze hat mäßig gefallen und wird bei weitem das Glük des Lumpacivagabundus nicht machen. Am glüklichſten war Hr. Schinn (Stuzl) in der Auffaſſung ſeiner Rol-


