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Sie mein wären, Sie ſanfte, kluge, gute Frau.“—„Ader ſind Sie nicht ein rechter Nimmerſatt 2“ ſagte ſie.„Sie beſizen mich ja ſchon; ich fahre ja neben Ihnen; heute bleiben wir an demſelben Orte über Nacht, morgen rei⸗ ſen wir zuſammen weiter. Iſt das nicht genug? Was wollen Sie für die Zu⸗ kunft ſorgen? laſſen Sie die ruhen hinter ihrem Vorhange, was künftig ge⸗ ſchieht, das findet ſich.“
Sie ſprach ſodann von andern Dingen, und ich ſchwieg. Plözlich fragte ſie:„Haben Sie nie Geſchwiſter gehabt?“„Ja, einen Bruder, mit dem ich leider in üblem Vernehmen geblieben bin, bis er ſtarb. Und doch habe ich ihn ſehr geliebt, über Alles. Et hat gegen meinen Nath geheirathet— Gott weiß, was für eine Modedame;— kurz, ihretwegen entſpann ſich die Verſtim⸗ mung, die ſich nie mehr verwiſchen ließ.“—„Hat er Kinder?“ fragte ſie ge⸗ rührt.„Ich glaube zwei, aber ich habe mich nie um die Familie bekümmert.“ —„und warum nicht? was ſuchen Sie eine Heimath bei Fremden, wenn Sie ſie ſo nahe haben 2 ziehen Sie mit Ihrer Schwägerin zuſammen, ſeien Sie ihren Kindern ein Vater, dann wird ſie Ihnen gewiß eine liebende Schweſter ſein.“—„Nein, nein,“ ſagte ich.„Nur Eine Frau kenne ich, mit der ich mein Leben zubringen möchte; Sie kennen ſie noch beſſer.“
Ein langes Schweigen folgte. Wir kamen an die Satlon, und ſie ver⸗ langte wieder zu ihren Kindern. Franz kam mit unbeſchreiblich pfifſigem Ge— ſicht auf meinen Wagen zurük.„Herr!“ ſagte er,„ich habe eine Nachricht, die Sie in Verwunderung ſezen wird.“—„Nun, und das iſt“—„Wiſſen Sie, wer die fremde Dame iſt“—„Nein; aber weißt du es, ſo ſage es ſchnell.“—„Ihre Frau Schwägerin aus Holſtein.“—„Großer Gott!“ rief ich, und ein Thränenſtrom brach mir aus den Augen.—„Woher weißt du das 2“—„Von den kleinen Fräulein. Ich habe ſo lange hin und her ge— fragt, bis ich's, troz dem Verbot der gnädigen Frau, heraus hatte.“
Der Weg zur nächſten Station war für mich überreich an Stoff zu Rüh—⸗ rung und Freude.— Als ich ausſtieg, verlangte ich ein Zimmer, und ſobald die Fremde angekommen war, ließ ich ſie zu mir hinauf bitten. Als ſie in's Zimmer trat, ſagte ich kein Wort, aber ich breitete ihr beide Arme weinend entgegen. Sie ſah mich einige Augenblike an und fiel dann mit tauſend Thrä⸗ nen an meine Vruſt.— Die Kinder kamen nach, und wie ſie die Gruppe ſa— hen, ſtürzten ſie mir um den Hals.„Mutter, nun dürfen wir, nicht wahr?“ —„Ja, ja!“ ſchluchzte ſie.„Theuerſter Bruder, nehmen Sie uns Alle an ihr Herz.“
Ich that es; ich habe euch noch alle drei darin und behalte euch, bis ich die Augen ſchließe.— Der Engel hatte in der Heimath gehört, daß ich doch kein ſo übler Mann ſei, troz meiner anſcheinenden Härte, war hergereiſt, um mich aufzuſuchen, und hatte mich im Wirthshauſe zu Wurzen gefunden.— Sie lebt nun bei mir, erzieht die Kinder unter meinen Augen und hat mich mit der Welt, mit meinem Schikſal verſöhnt und von allen Leberbeſchwerden kurirt, ohne daß ich mir das Dementi hätte geben müſſen, in meinen alten Tagen noch zu heirathen.


