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weißen und gelben Roſen, wie die Stikerei eines ungeheuern Teppichs, unter deſſen Einfaſſung von hohen Bäumen hin und wieder eine Steinbank zur Er— holung und zum Blik in die Ferne einladet. Es iſt in der That ein reizender Aufenthalt, wohlgeeignet, jedes Gefühl zu erhöhen und die ganze Seele zur Harmonie zu ſtimmen. Wir gingen weiter durch ſchattige Gänge, über die Neißebrüke, dann bergan in ein Gehege, welches die Führerin England nannte. Hier ſahen wir Boskette, von Vorkengeländern eingefaßt, reinliche Hütten, mit Ranken überzogen, aus denenz nur die Jalouſien hervorblinzelten und ſchattige Ruhepläze, welche die Anſicht des Schloſſes gewährten, das, von der jezt höher geſtiegenen Sonne hell beſchienen, bald frei vor uns dal ag, bald mehr oder weniger in Gebüſchen vergraben erſchien. Nur ſtörten mich die häßlichen Anſtalten zu einer Schenke, garſtige, ſchwerfällige Stühle, Tiſche, Bierkrüge— und alles dies mitten in„England“ im Park zu Muskau. Schön iſt es, wie die ganze Anlage ſich mit der weiteren Umgegend verſchmilzt, die von hier aus hügelige, lieblich und üppig erſcheint, obgleich ſie im Ganzen flach, traurig und ſandig iſt. Die vortheilhaften Geſichtspunkte ſind mit wahrer Kunſt be— nuzt, die kahlen Flächen durch ſchöne Baumgruppen verſtekt. Darauf kamen wir in eine Partie, die noch einen weiten Spielraum für künftiges Garten— genie darbietet, eine lange Sandſtreke, mit nichts als öden Virkenſtämmen beſezt; aber gerade von hier erſcheint die Landſchaft am lieblichſten, und ſollte es dem Beſizer gelingen, auch dieſen Theil des Parks zu kultiviren, ſo würde er eine Zierde des Ganzen werden. An einer Stelle liegen die Gebeine eines hier gefundenen Ermordeten begraben; ein kleines Denkmal ſchüzt ſie vor Ent— weihung. Wir waren zwei Stunden im Park ſpazieren gegangen, und ich fühlte keine Müdigkeit.
Inzwiſchen hatte ich durch inſtändiges Bitten die Erlaubniß erlangt, ein paar Meilen mit meiner fremden Freundin zu fahren, während Franz auf die Kinder achten ſollte; ich mußte ein Geſpräch unter vier Augen mit ihr ha— ben, die Ruhe meines Lebens ſchien mir davon abzuhängen.— Unterwegs fing ich an, von meiner vereinzelten Lage, von meiner Sehnſucht nach Geſelligkeit und Liebe zu ſprechen. Sie war in Allem vollkommen mit mir einverſtanden; nur, ſagte ſie, möchte es in ihrem Alter ſchwer halten, ſich völlig in eine fremde Individualität einzuleben.„Ach, gnädigſte Frau,“ ſagte ich, und wagte es, ihre Hand an meine Lippen zu ziehen,„die Individualität wäre gefunden; aber die allein iſt auch im Stande, mich zu beglüken;“ ich ſtokte.„Run?“ ſagte ſie.„Nun? Nun? Was wollen Sie mit Ihrem Nun?
— Mich plagen, weiter nichts. Wiſſen Sie's denn nicht, daß Sie es ſind, die mich vom erſten Augenblik an unerklärlich, unwiderſtehlich bezaubert hat? — Seien Sie ſo gut und ſagen Sie mir ohne Umſtände mein Urtheil.“— —„Aber, liebſter Freund?“ erwiderte ſie,„Sie wiſſen ja nicht einmal, wer ich bin.“—„Sie ſind Wittwe, nicht wahr?“—„Ja, das bin ich; aber Sie idealiſiren ſich meine Perſon und meine Art zu ſein. Allerdings liegt mir da— ran, Ihnen zu gefallen, aber nicht ſo. Und wer weiß, ob der Beſiz mich nicht tief im Werth fallen laſſen würde?“—„Bei mir nicht!“ rief ich,„bei mir nicht! Ich liebe Alles, was mein iſt, meine Katharina, meinen Peter, meinen Franz. Und die Katharina iſt eine zahnloſe, alte Keiferin, der Peter herzlich dumm, der Franz tyranniſirt mich;— wie ſollte ich Sie nicht lieben, wenn
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