683
gewiß, daß die Anmeldung des Grafen(das war er damals noch) zum Eſſen im Hauſe meiner Tante eine große Aufregung hervorbrachte. Es ward ein kleines, exquiſites Diner beſtellt, an den ohnehin ſehr ſchön gehaltenen Gar— ten ward die lezte Hand gelegt, nichts ward gethan, was ihm die Idee eines vorbereiteten Empfangs geben konnte, aber Alles, um ſeine Kritik, die ſehr gefürchtet ward, zu entwaffnen. Außer mir hielt ſich noch eine Kouſine bei der Tante auf; wir Beide waren in dem inteteſſanten Alter, wo man gewöhnlich am hübſcheſten, aber auch am dümmſten iſt. Unſere Toilette ward uns vor— geſchrieben; ſie war ſehr einfach, aber ausgeſucht elegant und fein; dabei ward uns die Weiſung gegeben, während des ganzen Beſuches ungefragt kein Wort zu ſprechen, weil die Tante eine unſerer Naivitäten fürchtete, die uns dann leicht in den Mund der ganzen Nachbarſchaft bringen könnte. Sie wußte damals noch nicht, daß ſie ſogar Gefahr lief, uns vor ganz Europa als ein Paar Gänschen hingeſtellt zu ſehen. Sie ſelbſt ſah an dieſem Tage zum Ent— zäken aus, und doch war ſie ſehr fonderbar angezogen; ſie hatte ein weißes Mouſſelinkleid an, und ein Nez von ſchwarzer Chenille auf dem ſchönen hell, braunen Haar. Sie bewohnte im Sommer ein Gartenhaus, an das die Oran— gerie ſtieß; hier ward der Gaſt empfangen. Eine leichte Kaleſche, von vier ſchönen Pferden gezogen, fuhr vor, und der intereſſante Mann, dies Räthſel für die ganze Welt, ſtieg aus. Ich muß geſtehen, er war damals eine ſehr einnehmende Erſcheinung. Er ſchien es gemacht zu haben wie wir, denn er war ſehr einfach, aber vollkommen faſhionabel gekleidet; am erinnerlichſten von ſeiner Toilette ſind mir die geſprenkelten Seidenſtrümpfe, die ich damals zum erſten Male ſah. Hübſch war er auch; ein kleines, geiſtreiches Geſicht, das ein wenig verlebt ausſah, eine elegante Figur, vollkommene Manieren, ein weiches, ſchönes Sprachorgan, das Alles nahm gleich für ihn ein. Wir jungen Mädchen, wie geſagt, waren Nullen; ein ſtummer Gruß von ſeiner Seite, ein Knix von unſerer war aller Verkehr, der zwiſchen uns ſtatt fand; aber das Geſpräch, das er mit der Tante führte, war deſto lebhafter. Zwar ward nichts beſonders Bedeutendes geſagt; ſie waren Beide zu ſehr aus der großen Welt, keines gab dem andern„Priſe,“ aber es war eine Unterhal— tung, die wirklich ein Meiſterſtük von angenehmer Unbedeutenheit genannt werden konnte, und bei der man nicht einen Augenblik zweifeln konnte, daß die beiden Wortführer wohl im Stande geweſen wären, Dinge von ganz an— derem Gewicht zu ſagen, wenn ſie ſich gekannt und einander getraut hätten. Eine Promenade im Garten endigte den Tag; der Graf lobte die Anlagen, die Raſenpläze, den Geſchmak der Beſizerin mit Feinheit und— empfahl ſich. — Das iſt meine Bekanntſchaſt mit dem Fürſten, den wir nun bald in ſeinen Gartenanlagen näher kennen lernen wollen.“
So ſehr mich dieſe VBeſchreibung ergözte, war es mir doch unangenehm, meinem Ziele um nichts näher gekommen zu ſein; ich wußte von meiner Frem— den nicht mehr, als Tags zuvor. Abends kamen wir in Muskau an, ſchliefen dort und gingen in aller Frühe in den Park; ehe ich aber von dieſem etwas ſage, kann ich die Bemerkung nicht unterdrüken, daß ich erwartet hätte, von der engliſchen Kultur des Beſizers mehr über ſeine Umgebungen verbreitet zu ſehen. Das Wirthshaus war miſerabel, die Sahne zum Kaffe ungenießbar; kurz, ich habe mich nirgends mehr gefreut, die obengenannten, vom Verſtor—


