Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
682
 
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zükenden Gegend. Die Roſen waren in voller Blüte, aber in dieſer durchaus blütenvollen Stunde machten ſie keinen Haupttheil der Landſchaft aus, ſie ſtimmten eben nur in den Lobhymnus der ganzen Schöpfung ein und ſendeten ihre Düfte als Zins in die Luft, die ſo rein war, daß es mir ſchien, als ſchwebten die Wohlgerüche ſichtbar über jeder Blume. Auch die Lilien winkten über die Einfaffungen der Gärten herüber, und die Häuſer lagen ganz einge hüllt in dem ſanften grünen Gewande des Veinlaubes und ſahen mit ihren Fenſtern wie aus züchtigen Mädchenaugen auf die Elbe, die ihren Gang nach dem Ozean im friſchen Morgenwehen ſtill und raſch fortſezte. Rechts von einer waldigen Höhe ſah das ſchöne Siebenreichen auf das Paradies, durch das ich fuhr, hinab und verſchönte die Landſchaft, die es ſich unterthan ge nacht hatte. Weiterhin prangte noch ein Schloß in der Höhe, und andere gukten aus der verhüllenden Umarmung der Bäume hervor, welche die Berge des lin ken Elbeufers bedeken und zieren.

Immer zieht ſich der Weg längs dem Strome hin, und auch die Straße an ſich iſt hübſch, Ahorn- und Lindenalleen faſſen ſie ein, und wo ſie ſich über ein der Elbe zueilendes Bächlein wölbt, dient eine hübſche Sandſtein brüke dem Wanderer zugleich zum Ruhepunkt, den vier Linden beſchatten. Endlich fuhr ich im raſchen Trabe an vielen Wagen mit Gemüſen und mit Kälbern, die zum Verkauf in die Reſidenz geſchleppt wurden, und auch an einigen Equipagen vorbei, deren Inhaber ſchon ſo früh das Freie ſuchten, und bald darauf ſtieg ich in Dresden ab. Es war der Plan meiner Führerin, der ich blindlings folgte, hier nur zu frühſtüken und ſpäter wieder dahin zurük zu kehren; daher ſahen wir das reizende Dresden nur im Fluge, und fuhren dann zum Bauzener Thore hinaus gen Muskau.

Ich hatte in Dresden gewagt, meine liebe Unbekannte nach ihrem Na men zu fragen; ſie ſagte lächelnd:Nach dem Namen fragen, kziemt nur der Wache am Thor. Mit dieſem Scherz abgeſpeiſt, ward' ich von der Neugierde in einem Grade geplagt, daß ſie mich beinahe für meine Umgebungen unem pfänglich machte. Sobald wir in Königsbrük abſtiegen, ſuchte ich durch Kreuz und Querfragen zu erforſchen, was mir meiner Anſicht nach zu wiſſen ge bührte.Kennen Sie den Beſizer von Muskau?*) fragte ich unter andern. Kennen? entgegnete ſie;nein, das kann ich nicht ſagen, aber geſehen habe ich ihn, und ich will Ihnen erzählen, wie und wo. Ich habe einen Theil meiner Erziehung bei einer Tante genoſſen, die eine der ſchönſten und geiſt reichſten Frauen war, welche ich je gekannt habe. Sie wohnte nicht gar weit von Muskau, und der Ruf ihrer ausgezeichneten Eigenſchaften veranlaßte den Fürſten, ihre Bekanntſchaft zu ſuchen. Nun machen Sie ſich aber ſchwerl ich einen Begriff davon, in welchem Grade dieſer jezt berühmte Mann von jeher in ſeiner Nachbarſchaft gefürchtet war. Viel davon hat er gewiß ſeinen eigenen ſchrankenloſen Gewohnheiten zuzuſchreiben, viel aber auch der ganz naiven Un ſchuld der wirklich erzellenten Schleſier, die gar nicht ahnen, daß man irgend extravagant ſein könne, ohne dabei auch ſchlecht zu ſein. Von dem Allerhei ligſten in des Fürſten Charakter weiß ich gar nichts, aber mancherlei von dem Allerprofanſten, das den Menſchen mehr in die Augen fällt. So viel weiß ich

) Fürſt Pückler⸗Muskau, Verf. derBriefe eines Verſtorbenen ac.