Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
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ihre Bitten und Drohungen bewogen, vorwärts und auf die Länge eines Arms an ihm vorbeiging, trieb ihn, wie er ſagte, ein inneres Etwas, durch die Opferung Lamberts das Leben ſeines Prinzipals zu retten. Er vollbrachte die blutige That und floh, indem er über die Mauer kletterte und ſprang. Der Dolch und die Uhr gehörten zu den Sachen, welche er bei ſeiner frühern Flucht aus dem Hauſe mitgenommen hatte.Das war für den Richter, nun noch Einiges für den Menſchen. Nachdem ich jenen Ort verlaſſen hatte, Sir, flüch⸗ tete ich, ich weiß nicht wohin. Tagelang lief ich in den Feldern umher, ſchlief, wo ich Schuz fand, war ſtarr vor Kälte und halb verhungert, und wagte den⸗ noch nicht eher mich zur Abhilfe meiner Bedürfniſſe den Wohnungen der Men ſchen zu nähern, bis es ganz finſter geworden war, und auch dann noch ſchlen mir's immer, als würde ich von jedem Auge mit Verdacht angeſehen. Und verließ ich ſie wieder und ging allein in den Feldern, ſo überkam's mich plöz⸗ lich und ich begab mich auf die Flucht, weil mir ward, als würde ich verfolgt und wäre nahe daran, ergriffen zu werden. Umſonſt verſuchte ich die Gefühle niederzukämpfen; unnſonſt bemühte ich mich mit der That mich zu verſöhnen, die ich vollbracht; umſonſt ſtellte ich ſie meinem Herzen als eine gute dar, in⸗ dem ich ein werthvolleres Leben gerettet, als das des Todten war. Alles um⸗ ſonſt; ein finſtres Etwas quälte mich auf eine entſezliche Weiſe mit ſeinen Schreken; und war ich auch bisweilen nahe daran, dieſe Gefühle niederzukäm pfen, ſo ſchien es mir immer, als höre ich eine Stimme aus meiner eigenen Seele heraus fragen:Was brachte dich jene Nacht in den Hof deines Herrn?! und meine Selbſtqual begann von Neuem. Endlich nachdem der Gedanke, in die Hände der Juſtiz zu fallen, mich lebensmüde gejagt, beſchloß ich mich durch Selbſtmord von allen Martern zu befreien; denn ich fühlte mich unfähig, ſie länger zu ertragen, und mein Herz war zu ſtumpf geworden, als daß es ſich gegen dieſe ſpäte Sühne hätte auflehnen mögen. Jezt fragte es ſich, wie ſollte ich den Selbſtmord vollbringen? Der Tod im Waſſer war mir ſchreklich, er konnte mir Zeit zur Reue geben; ſo war es auch mit dem Hungertode, ſelbſt wenn meine Natur den Verſuch zugelaſſen hätte. Ich kehrte mit dieſer neuen Unentſchiedenheit zu den Vorſtädten zurük es war ſchon Abend und ganz finſter geworden eine Laterne an dem Hauſe eines Varbiers zog meine Au⸗ gen auf ſich, und ich eilte in den Laden mit der vollen Abſicht, mit dem erſten Scheermeſſer, das ich erlangen könnte, Hand an mich zu legen; aber der La den war ganz voll. Ich ſezte mich verdrießlich in eine Eke, ohne der Unter⸗ haltung, welche nie unterbrochen wurde, die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchen ken, und wartete auf die erſte Gelegenbeit zur Ausführung meines Vorha bens. Da ſchlug plözlich der Name meines Prinzipals an mein Ohr. Ich horchte auf, vernahm ſein Verhör, ſeine Verurtheilung und die kommende Exekution, welche das allgemeine Geſpräch war. Ich ſprang auf und mit einem Gefühl von Dank gegen Gott, der mir; noch etwas zeigte, wofür ich leben konnte ich glaube, ich rief etwas Aehnliches laut aus ſtürzte ich fort, eilte von Angſt gepeitſcht hierher und nicht wahr, ich komme noch nicht zu ſpät, Sir, die Stelle meines Prinzipals bei der Hinrichtung einzu⸗ nehmen?

Der junge Mann ſank erſchöpft in einen Seſſel und ſtüzte ſeinen Kopf auf den Tiſch. Das entſezte Haupt des Magiſtrats lehnte ſich vorſichtig nach