587
ſie zum Theil durch den weiten Mantel verbekt hatte, in den ſie ſelbſt gehüllt war; mochte es ſein, daß ſie den Schein des Lichts nicht ſehen laſſen, oder auch, daß ſie nur das Erlöſchen deſſelben verhüten wollte, weil die Luft von Wind und Regen brauſte. Sie näherte ſich einem niedrigen Hinterpförtchen, welches auf den Kirchhof hinausführte, ſchloß es auf, öffnete es langſam, ſah hinaus, als ob ſie auf Jemand wartete, kam zurük, verſchloß das Thürchen wieder, ſezte die Laterne in einen Winkel und begann unter dem Schuzdache langſam auf⸗ und abzuſchreiten. Nach wenig Augenbliken blieb ſie aberwals ſtehen, horchte, Kopf und Leib bogen ſich unmerklich rechtwärts nach dem Pförtchen hin; ein leiſes Pfeifen wurde von draußen gehört— ſie flog zu der Thür, öffnete und ließ einen ebenfalls in einen Mantel verhüllten Mann ein, wandte ſich raſch zu ihm und rief:„Woher ſo ſpät, Freund?“ Der Fremde fing an ſich zu entſchuldigen, wurde aber ſogleich durch ein ſcharfes„Still!“ unter— brochen und die Unterhaltung nur flüſternd weiter geführt. Endlich änderten ſie ihren Stand und ſchritten nach dem Hauſe zu, Miſtreß Edwards hatte ihre Laterne aufgenommen und ihren Gefährten an der Hand. Plözlich blieb der Mann ſtehen und ſie auch. Er ſeufzte und ſagte mit unterdrükter Stimme: „Ich kann es nicht ausrichten!“—„Gott verleihe mir Geduld!“ ſchrie ſie voll Ungeduld und ſehr laut, dann fügte ſie leiſer hinzu:„Komm, Lambert, teurer Lambert, faſſe dir ein Herz!“—„Ich kann nicht, bei Gott, ich ver, mag es nicht! Alles, nur das nicht!“—„Alles außerdem? was iſt ſonſt noch zu thun? Willſt du nicht Herr über mich und über Alles ſein? Gewiß, komm, theuerſter Lambert!“— Der Mann ging vorwärts, als er aber nahe an der Hausthür um eine Eke bog, wurde ihm von einem Menſchen hinter einem der diken ſteinernen Pfeiler hervor ein ſcharf geſpizter Dolch in die Bruſt geſto— ßen, und zwar mit ſolcher Kraft, daß die Spize durch eine Rippe drang und das Tödtlichwerden der Wunde verhinderte. Der Getroffene ſchrie vor Todes— angſt auf, griff nach dem Orte hin, woher der Stoß gekommen und er faßte den Mörder beim Roke; dieſer wand ſich jedoch los und ließ nur ein Stük Uhrkette mit der daran hangenden Uhr zurük. In' demſelben Zuſammentreſſen hatte er aber auch den Dolch wieder aus dem durchbohrten Knochen gezogen und ſtieß ihn jezt ſicher in ſeines Schlachtopfers Herz.
Das war in wenig mehr als einem Augenblik geſchehen. Miſtreß Edwards hatte erſt vor Schrek und Staunen bewegungslos dageſtanden, als aber Lam⸗ bert zum zweiten Mal getroffen niederſtürzte, ſchrie ſie mit gellender Stimme: „Mord! Mord!“ und fiel ohnmächtig wenige Schritte von dem Toͤdten zur Erde. Als ſie wieder zu ſich kam, ſah ſie einige von ihren Nachbarn und den Wächtern um ſich her verſammelt, darunter auch ihren beſtürzten Eheherrn ſelbſt. Sie blikte eine Weile wild um ſich, heftete ihre Augen auf ihn, als wäre es ein Andrer, ſchrie wild auf:„Ich ſehe ihn— ja, da iſt er— er iſt's! Ergreift ihn— den Mörder!“ und ſank dann abermals beſinnungslos! zuſam⸗ men. Auf dieſe Angabe wurde Edwards verhaftet, obgleich er ſo wenig, als einer von den Zuſchauern begriff, wie er dazu gekommen ſei. Er fing an hoch und theuer zu ſchwören, daß er gar nichts von der Sache wiſſe; das war gerade der beſte Beweis für das Volk, daß er durchaus ſchuldig ſei. Als nun aber vollends Einige zu verſtehen gaben, der Todte ſehe aus wie der junge Menſch, der mit Miſtreß Edwards unter den ſchlanken Ulmen in Goodman's Fields


