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geſchrieben.— Dann folgte ein kurzer diker Federſtrich und endlich kamen in einer großen flüchtigen Handſchrift noch folgende abgeriſſene Worte:
„Doch ich ſpreche wie im Wahnſinn— es iſt Trug— lebt wohl, Herr— theurer Prinzipal, lebt wohl! Vergeßt mich— ich kann nicht beten mehr für euch und euch nicht erſuchen, für mich zu beten— doch thut es, ſo fern Ihr glaubt, daß mir euer Gebet noch etwas nüzen könnte; wenn nicht, vergeßt mich und ach! vergebt mir. Lebt wohl!“— f
Die Unterſchrift war wieder ganz wie in Waſſer verſchwommen und ver— wiſcht, doch ließen ſich die Worte entziffern:„die dankbare Waiſe, Simon.“
Die Wirkung, welche dies Ereigniß auf Maſter Edwards und ſeine Frau hervorbrachte, war eben ſo verſchieden, als die muthmaßlichen Nebenurſachen dieſer Wirkung. Maſter Edwards war offenbar tief und ſchmerzlich ergriffen, dann verfiel er in ein brütendes Schweigen und vergoß endlich ſogar Thränen; das war eine Außerordentlichkeit, von welcher ſeine älteſten Freunde, ich meine ſeine Schulkameraden, erklärten: in ſeinem ganzen Leben noch nichts bemerkt zu haben, ſelbſt nicht unter dem Schlagrohr des Dokter Everad, des hochver— ehrten Lehrers an der St. Paul-Schule, wo Maſter Edwards ſein Latein und den Kreiſel peitſchen lernte. Miſtreß Edwards im Gegentheil gab bei die— ſer Gelegenheit eine große Freude zu erkennen und erklärte, ſie könnten Beide, ungeachtet des entwendeten Silbergeräths, froh ſein, den ſchlechten Menſchen ſo wohlfeilen Kaufs los geworden zu ſein und hätten doch nun ein Zimmer mehr zu benuzen. Denſelben Mittag noch deutete ſie während des Eſſens dar— auf hin, daß ſie berelts einen jungen Mann im Auge habe, der in Simon's Stelle eintreten könne; bei dieſer Bemerkung ließ ihr Mann nichts als einen Seufzer und dachte im Geringſten nicht an eine weitere Nachfrage. Der arme Ehemann fiel auch nicht von Weitem darauf, wen ſein Weib wohl im Auge haben möchte, obgleich alle ſeine Nachbarn, wären ſte zugegen und zu einer traulichen Erzählung geneigt geweſen, ihm über den hübſchen Burſchen hätten Aufſchluß geben können, er war noch unbeſcholten genug, denn es wußte Nie— mand etwas Nachtheiligeres von ihm, als daß man ihn Abends öfters geſehen hatte, wie er mit Miß Edwards unter den ſchlanken Ulmen in Soodman's Fields umherſpazirt war. Ein ſehr unſchuldiges Vergnügen, wenn es nicht boshafte Leute gegeben hätte, welche dabei noch andere Aegerniſſe vermuthe— ten— doch es iſt Zeit genug, wenn wir den Schmuz treffen, wo er zu Hauſe iſt.
Der kräftig empfohlene Unbekannte ſtellte ſich bald darauf ein. Er hieß Lambert Smithe und war ſehr hübſch von Perſon, doch hatte er nicht die ge⸗ ringſte Fähigkeit für die Stelle, welche er ausfüllen ſollte; und ungeachtet der ungemeinen Aengſtlichkeit, wit welcher Miſtreß Edwards darauf bedacht ſchien, ihn für den Poſten zu behalten, eröffnete ihr der alte Kauffmann ziem⸗ lich troken, der Menſch ſei nicht im Geringſten zu gebrauchen. Sie nahm das ſehr hoch auf, ſchalt ihn für ſeine gerade Meinung und warnte ihn ziemlich her—⸗ riſch, wenn ſie ihren Willen durchſezen wolle, möge er es ſich nicht einfallen laſſen, ihr den Weg zu vertreten.
Wenige Nächte nach Simon's Abreiſe— es war eine finſtre und ſtürmi⸗ ſche Novembernacht— erblikte Jemand Miſtreß Edwards— es iſt nicht mehr die Frage, auf was für einem Gange, wie ſie den klöſterlichen Hof hinter ih⸗ res Mannes Hauſe durchſchritt. Sie trug in der Hand eine Laterne, welche


