Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
563
 
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die ſich durch die lange Arbeit auf ſeinem Geſicht gleichſam inkruſtirt hatte! Endlich reiſte er ab. Seine erſte Sorge nach der Ankunft in Stockholm war, in die große Nikolaikirche zu gehen und Gott um ein langes, ruhmvolles Le⸗ ben für ſeine geliebte Königin zu bitten. Der Tag kam, an welchem das Ge ſchüz in den beiden Forts Friederikeborg und Warholm dem Volke verkündete, Chriſtine habe ihr zwanzigſtes Jahr vollendet. Lambken, den der Donner der Kano nen erwekte, hielt ſich für den glüklichſten der Sterblichen; er liebte eine zwanzigjährige Königin, welche Europa bewunderte.

In ſeinem Feſtanzuge, mit ziemlich gepreßtem Herzen und bewegtem Ge mütbe folgte er der Menge, welche zu dem königlichen Schloſſe hinau fſtieg. Lambken bemerkte es nicht, daß das Volk ehrerbietig in der Vorhalle des Pa⸗ laſtes ſtehen blieb; er ſchritt immer weiter unter vornehmen Damen, glän- zenden Offizieren und ernſten Magiſtratsperſonen.

Schon bei ſeinen erſten Schritten in der großen Gallerie hatte ſein ein⸗

facher Anzug Aergerniß gegeben; man trat überraſcht in Gruppen zuſammen, um ihn vorüberzulaſſen; man flüſterte laut neben ihm, aber Lambken ſchritt immer weiter, ſah die zornigen Blike nicht, welche von allen Seiten auf ihn ſchoſſen, und hörte eben ſo wenig, was man ſagte. So gelangte er bis an die Thür des Saales, in welchem Chriſtine die Huldigungen ihres Hofes empfing. Der einführende Kammerherr fragte nach ſeinem Namen und wollte ihn zurük⸗ halten, aber der von der Hoffnung gereizte, von dem Lärmen betäubte Berg⸗ mann ſchritt immer weiter und ſtürzte ſich auf die königliche Hand, welche eben dem Präſidenten des Senats graziös dargereicht wurde. Beim Anblike dieſes Mannes ſtieß die Königin einen Schrei des Schrekens aus, zog die Hand zurük und hundert Arme erhoben ſich, um den zu ſtraſen, der frech eine Gunſt erringen wollte, welche nur den wenigen Bevorzugten bewilligt wurde. öMeine geliebte Königin! rief er, als er von den Dienern fortgezo gen wurde,ich wollte nur deine geheiligte Hand küſſen; kannſt du mir die⸗ ſes Glük verſagen? Und als der Chef der Polizei in dem Hofe den Befehl der Königin vollzog, unterbrach Lambken ſeine Klagetöne, um nochmals zu rufen:Chriſtine, grauſame Chriſtine, es wird doch noch ein Tag kommen, an dem ich deine königliche Hand, wenn auch gegen deinen Willen, küſſen werde. 5

Nach dem zwanzigſten Schlage ſtand Lambkem auf, blikte ſtolz den Chef der Polizei an und bahnte ſich einen Weg durch die Menge.

Am andern Morgen hatte der Bergmann Stockholm verlaſſen und doch erſchien er in Norberg nicht wieder.

Fünf Jahre ſpäter unterhielten ſich zwei Gefangene, ein junger Mann von ſechszen bis ſiebzehn Jahren, der eines Raubverſuches angeklagt war, und der Anführer einer Straßenräuberbande in ihrem gemeinſchaftlichen Kerker über ihr hartes Schikſal.

Ach! ſagte der Jüngling,ich bedaure nur, daß ich die, welche ich liebe, nie wiederſehen werde.

gKind, entgegnete der Vandit,du kommſt mit einigen Jahren Ge⸗ fängniß davon und du verzweifelſt, als ob es nicht eine ausgemachte Sache ſei, daß wahre Liebe nie ihre Rechte verliert. Höre mich an. Eine ſchöne, ſtol ze und grauſame Königin ließ eines Tages einem armen Teufel zwanzig Stok⸗