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draͤngte ſich bis in den Schloßhof und begleitete mit ſeinen lärmenden Vivat⸗ rufen die lateiniſchen und griechiſchen Reden, welche die Galanterie den großen ſchwediſchen Staatskörpern eingeflößt hatte, die nach der Achtung einer Fürſtin geizten, die Descartes lobte und Salmaſius rühmte.
Aber mit einemmale wurde das Volk unruhig und murrte, die Offiziere der Valaſtwache eilten auf ihre Poſten, ſammelten ihre Truppen und ſtellten ſie in dem großen Hofe in Schlachtordnung auf. Alle Fenſter des Schloſſes wur⸗ den zu gleicher Zeit aufgeriſſen und füllten ſich mit feſtlich und reich gekleide⸗ ten Damen und Herren. Alle Augen und alle Hände richteten ſich auf einen Punkt, und Jedermann ſchien zu ſagen:„da iſt er!“
Der Graf von Lagardle, ſchön, jung und ſtolz als der Günſtling einer Königin, erſchien auf dem Hauptbalkon des Schloſſes und ſprach von da zu dem Polizeichef, der mit entblößtem Haupte daſtand, die Worte herab:
„Die Königin will nicht, daß man den Menſchen einkerkere; laſſen Sie ihm blos ſogleich und hier auf der Stelle zwanzig Stokſchläge geben und ſezen Sie ihn dann in Freiheit; ſo befiehlt Ihre Majeſtät.“
Der Urheber des Tumultes wurde hierauf mit in einen weiten von den Soldaten gebildeten Kreis geführt. Der Chef der Polizei, der ſich an dieſem Tage aus Ergebenheit für die Königin ſelbſt zum Henker machte, befahl dem Schuldigen niederzuknien, und ließ langſam und zwanzigmal ſo ſchwer ſeinen Stok auf die Schultern fallen, daß aus deſſen Bruſt bei jedem Schlage ein heiſerer Ton ſich herauswand und Mitleid in der Seele der zehntauſend Zu⸗ ſchauer erwekte. N
Was hatte der ſo grauſam an einem Feſttage faſt unter den Augen der Königin beſtrafte Mann verbrochen? Warum ſchien die Stimme des Grafen von Lagardie von Zorn bewegt zu ſein, als er den Vefehl der Königin bekannt machte? Warum hatte man das düſtere Feuer einer grauſamen Freude in den Bliken des glüklichen Günſtlings bemerkt, als er hinzuſezte:„Laſſen Sie ihm zwanzig Stokſchläge geben?“ i
Dieſer Mann war weiter nichts als ein Vergmann, der von Norberg nach Stockholm gekommen, um den glänzenden Feſten am Geburtstage der Kö⸗ nigin beizuwohnen. Sein Verbrechen entſprang aus ſeiner Unbekanntſchaft mit den Geſezen der Etikette. Man hatte ihm da unten, in der Provinz Weſt⸗ manland, geſagt, an einem ſolchen Tage ſehe die Königin gern ihre gering⸗ ſten wie vornehmſten Unterthanen um ſich verſammelt und reiche ihre bloße Hand dem ſchwediſchen Volke zum Kuſſe.
Die Hand einer Königin küſſen! Die Hand jener Chriſtine, deren an⸗ gebetetes Bild ſich überall fand, die Zierde und die Freude in der verrauchten Hütte Lambeen's, des Vergmanns! Das war ein Glük, nach dem er nicht ſtreben zu dürfen geglaubt hatte. Als er aber erfuhr, es gäbe im Jahre eine Zeit, in welcher ſich die Pforten des Palaſtes Jedem öffneten, der vor Chri— ſtinen knien wollte; als er dies wußte, ſage ich, lebte Lambken für weiter nichts, als auch einen Theil von der königlichen Gunſt zu erhalten. Er ar⸗ beitete länger und ſo fleißig, daß er zur beſtimmten Zeit ſich im Beſiz eines Schazes befand, wovon er ſich einen zierlichen Feſtanzug kaufen konnte, den er mit Anmuth trug, denn ſein Wuchs war ſchön, und ſeine Haltung unge⸗ zwungen und leicht. Welche Mühe gab er ſich, jene Eiſen farbe wegzubringen,


