Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
554
 
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im Uebrigen die äußerſte Schonung und kein Wort über den heutigen Vorgang kam von weitem über ſeine Lippen. Erſt als abgedekt wurde, redete ex ſie an und zwar mit voller Herzlichkeit.Sieh, ſprach er» ſo gefällſt du mir, und glaube mir, liebes Weib, du verlierſt dabei gar wenig. In dieſem Augen⸗ blike trat eine der Mägde ein, die noch einigen Flitter von heute Morgens auf ſich hatte, den Graf Orlik ſogleich ins Auge faßte.Sieh einmal, ſprach er zur Gräfin,ſieh einmal das eitle Ding an, wie ſie ſich herauspuzt und indem er ſich drauf zur Magd wandte.Herunter mit dem Tand! kannſt du kein Beiſpiel an deiner Frau nehmen? Du willſt wohl gar beſſer gekleidet ſein, denn ſie? Die Gräfin erröthete über und über und die Magd ent⸗ ernte ſich halb erſchroken, halb verwundert. K

Bald darauf kamen Beſuche aus der Nachbarſchaft, und der Graf unter⸗ ließ nicht, ſeinen Freunden die Einfachheit und Herzlichkeit ſeiner Hausfrau zu rühmen und ſein häusliches Glük zu preiſen. Der Gräfin bebte das Herz im Leibe, ſo oft er von ihr ſprach, und ſie ſchäzte ſich glüktich genug, daß die Freunde ſo ſchonend waren und ihren zweifelhaften Mienen durch glükwün⸗ ſchende Worte die beſtmögliche Auslegung zu geben. So ging der Tag vorüber und da die Gäſte das Schloß ziemlich ſpät verließen, ſo war es 11 Uhr vorü⸗ ber, als man ſich zu Bette begab. 1

Die Strenge, womit der Graf ſeine Gattin heute behandelt hatte, wekte die ſeltſamſten Empfindungen in ihrer Vruſt. Die Furcht, daß er ſeine Drohung alles Ernſtes zu erfüllen im Stande ſei, hielt ſie zwar vom offenen Widerſpruch zurük, wekte aber den geheimen deſto lebhabter in ihrem Innern. Entſagen, ſprach ſie zu ſich ſelber,entſagen ſoll ich jedem Schimmer von Hoheit, der meiner Schönheit, meiner Geburt, meiner Sinnesart zuſteht 2 Ein Weib kann wohl vom Leben laſſen, ſchwerlich aber von den Anſprüchen ihrer Eitelkeit.

Gedemüthigt wie ſie war, raffte ſie all ihren Stolz zuſammen und der Spiegel ſollte ſie lehren, ob ſie ſich ſolcher harten Tyrannei fügen müſſe. Da führte ſie der Weg an dem Prunkgemach vorüber. Sie dachte an deſſen abgeſonderte Lage und ihr Entſchluß war gefaßt. Wohl hörte ſie die warnende Stimme:Bielleicht ſcheideſt du auf ewig von deinem Schmuk. Gleich⸗ viel, ſagte ſie ſich ſelber, wenigſtens noch Einmal will ich die Gewißheit um⸗ faſſen, daß ich das ſchönſte Weib auf Erden bin!

Die Nacht kam, unruhig erwartete die Gräfin die Stunde, wo dle Gäſte von dem Schloſſe geſchieden und ſeine Bewohner zur Ruhe ſein würden. Alles, endlich auch ihr Gemahl, war entſchlafen da eilte ſie hinaus nach dem Prunk ſaale, ſchon fürchtete ſie, da der Luftzug die Thüre etwas ſchar fer hinter ihr zuſchlug, ihr Gemahl werde erwachen. Deswegen horchte ſie einige Augenblike. Aber Alles blieb ruhig. Leife, vorſichtig, auf den Zehenſpizen, und mit der einen Hand ſich an der Mauer ſtäzend, ſtets umherſehend, ob ihr niemand folgte, ſezt ſie nun ihren Weg fort. Faſt dänkte er ihr ſchauerlich. Die Fenſter des Saales liefen in einer Brüſtung des Schloſſes fort, unter welcher der Fährenwald aus einer ſchwarzfinſtern Schlucht auf dem faſt ſenk⸗ rechten Bergrüken aufſteigt; der Sturmwind rauſchte gewaltig durch ſeine Stämme und ſchrillte unwillig an den klirrenden Jenſtern hin. Die alten Ahnenbilder rings an den Wänden gewannen Geſtalt und Leben, und in der