Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
547
 
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Arme, die Bruſt, ſtrahlten von leuchtenden Diamanten, und auf der Stirne thronte ein ſchier königliches Diadem. Ihr Gewand war ſchimmernde Seide, ſeine Verbrämung reich von Gold, und ein leicht hingeworfenes Lächeln auf die Gemeinde zeigte, wie zufrieden ſie mit dieſer Art von Gegenſaz ſei. In jedem Angeſichte lag ſtarre Verwunderung, alle Blike ruhten auf ihr, auf aller Lippen erſtarben die Gebete. Erſt ſpät gewahrte ſie des Grafen, den ſie nicht ſo früh zurükerwartet hatte. Seine Anweſenheit ſchien ſie zu beunru⸗ bigen und ſie verließ, als noch dasIte missa est nicht geſprochen war, bewegt und in ſichtlicher Veſtürzung die Kapelle.

Graf Orlik hatte ſeiner Entrüſtung kein Hehl gemacht; denn die Flam me des Zorns ſchlug über ſeinem Haupte zuſammen. Die Engel der Gnade, die ihm aus den Wolken des Nauchopfers niedergeblikt, waren verſchwunden, er ſah nur mehr den flammenden Seraph, und konnte kaum den Augenblik erwarten, wo die Gräfen ſich aus dem Heiligthume zurükzog, um dem Winke des Zürnenden zu genügen, der ihn zur Strafe mahnte. Er war ihr nachge eilt, er trat zugleich mit ihr in das Zimmer, wo die Dienerinen ſie erwar⸗ teten. Sein Wink entfernte ſie. Roſalie wollte den Ausbruch ſeines Zornes nicht abwarten, in Thränen ausbrechend ſank ſie zu ſeinen Füßen nieder. Dadurch war des Grafen Zorn in der That halb entwaffnet, deswegen redete er ſie in zwar ernſtem, jedoch gemäßigtem Tone an, und nur die gedämpfte und in das Innerſte zurükgedrängte Stimme drükte das Leiden ſeiner Seele aus, die zwiſchen Mitleid und Entrüſtung kämpfte.Weib, ſprach er,du haſt wieder gegen alle deine Verſprechen gehandelt, du haſt wieder einmal ver geſſen, daß dein Stolz mir mißfallt. Ich habe dir dieſen Fehler ſchon ſo oft verziehen, daß ich jezt glauben muß, die Liebe für mich habe nur geringen Naum in deinem Herzen. Sie wollte ihn unterbrechen, aber der zornige Blik des Beleidigten lähmte ihre Zunge.Du weißt, fuhr er fort, die Bitterkeit ſeines Gefühles nicht ganz bemeiſternd,man fügt ſich in Alles, wenn man darüber nur erſt mit ſich ſelber abgeſchloſſen hat. Darum ſag' ich dir, darü⸗ ber würd' ich hinwegſehen. Aber was ſoll dieſer eitle Staat, was ſoll ſolcher Hochmuth vor dem Altare des Herrn? Du willſt höher ſtehen vor ihm als deine Mitgeſchöpfe, die ihn, weil ſie minder hochmüthig ſind, gewiß auch auf⸗ richtiger lieben? Warum ſtörſt du die Andächtigen in ihrem Gebet und ver⸗ bitterſt dem Arbeitſamen ſein mühevolles Tagewerk? Wie magſt du unter Menſchen, die ihr Brot im Schweiße ihres Angeſichts verdienen, erſcheinen, als ob du etwas Beſſeres wäreſt denn ſie?

(Beſchluß folgt.)

Aeltere Hofetikette in Spanien.

Die Briefe der Gräfin Aunoy, geſchrieben auf einer Reiſe von Paris nach Madrid und während des Aufenthalts in lezterer Stadt 1679, liefern intereſſante Beiträge zur Kenntniß der Sitten und des Charakters der dama⸗ ligen Zeit überhaupt und Spaniens insbeſondere. Einzig in ſeiner Art iſt wohl folgendes Veiſpiel von der Etikette des ſpaniſchen Hofes, wofür die Her⸗ zogin von Taureſano als Gewährſchaft genannt wird: Philipp III., König