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in der Seele anwidert. Oft ſchon hatte er ſich bel ſolchen Gelegenheiten här⸗ ter gegen ſeine Gemahlin benommen, als ihm nach der Hand ſelbſt lieb ſein konnte, und das Rauhe ſeines alten Haustafelblattes herausgekehrt. So heute.
Es war der Tag des Herrn, den Graf Orlik auf ſeinem Schloſſe ſtets nach ſeinen Kräften feierte, und wo er es nicht unterließ, irgend eine wohl⸗ thätige oder auf das Glük ſeiner Untergebenen Bezug nehmende Handlung zu vollbringen. Am Fuße des Berges, deſſen Gipfel die Thürme des Schloſſes Schönſtein bekränzen, liegt das freundliche, aus ungefähr 50 Huben beſtehende Dörſchen, das die Grafen Orlik ſeinen Schuz⸗ und Zwingherrn nennt. Die Einwohner ernähren ſich friedlich vom Ertrage der Wälder und Heerden, und einige unter ihnen holen wohl auch ſtundenweit den Flachs, den ihre Nachbarn in dieſen unwirthbaren Gegenden bauen, um ihn zur Winterszeit auf ihren Webſtühlen zu verarbeiten. Einem unter dieſen lezteren, einem armen aber unermüdlichen Manne, war vor einigen Tagen großes Unheil wider fahren. Die Flamme hatte ſeine Hütte nebſt Allem, was er ſein nannte, in Aſche ge— legt. Wohl waren die Nachbarn herbeigeeilt, aber ſie durften ſich glüklich ſchäzen, daß es ihrer vereinten Bemühung gelang, das Weitergreifen der Feuersbrunſt zu verhindern und die anſtoßenden Hütten vor gleichem Schikſal zu retten. Der Mann nebſt ſeinen Kindern war ein Bettler. Ihn hatte der Graf aufgeſucht. Wie lernte er hier den Werth ſeines Reichthums ſchäzen. Wie glüklich mußte er ſich fühlen, als er ſich im Stande ſah— dieſen Unglüklichen ihren ganzen Verluſt zu vergüten! Wie mußte ſein Herz überwallen vor freu— diger Rührung, als fünf gerettete Menſchen— mit Geſichtern, in denen ſich die wunderbarſten Gefühle ausſprachen— ihren Dank kaum zu ſtammeln ver mochten.
Erſchüttert bis ins Innerſte, ſchlug Graf Orlik den Weg nach dem Walde ein, und kehrte auf Umwegen nach Schönſtein zurük. Schon klang das Glök—⸗ lein zur Sonntagsmeſſe, die Dienerſchaft, die Inſaſſen, und weit aus den Bergen her, die einſamen Waldbauern, alle in reinlichen Feſtgewändern, ver⸗ ſammelten ſich. Orlik war in einer Stimmung, wo dieſes Schauſpiel beſeli⸗ gend auf ihn wirkte. Mit gerührtem Herzen trat er in die Kapelle, die den frommen Kreis der Gläubigen mit feierlicher Stille umfing. Auf den Geſich⸗ tern dieſer kräftigen und gläubigen Menſchen ſplegelte ſich die innere Zufrie⸗ denheit. Alle Blike, alle Herzen erhoben ſich zu dem höchſten Weſen.— Hier war die Geſinnung Aller gleich. Ein milder, begütigender Schleier lag über den Mühen und Beſchwerden ihres Werkeltaglebens ausgebreitet, und der Lohn eines erheiternden Bewußtſeins kam über dieſe Redlichen herab. Da trat die Gräfin in die Verſammlung. Der blendende Glanz ihrer Erſcheinung zog alle Blike auf ſich.
Gräfin Orlik war eine der ſchönſten Frauen ihrer Zeit. Ihre hohe Ge⸗ ſtalt, ihr blendender Teint, der von dem dunklen Haar noch mehr herausge⸗ voben wurde, die Zartheit und Fülle ihrer Formen, der ſanfte Seelenaus⸗ druk ihrer Züge hatte ſie auch am Hofe zum Gegenſtande der allgemeinſten Be⸗ wunderung gemacht. Dies ſchien ſie zu wiſſen. Die Einſamkeit des Schloſ⸗ ſes Schönſtein ſchrekte ſie nicht ab, ihre Vorzüge geltend zu machen; we— nigſtens vor ſich ſelbſt wollte ſie noch in jener Alle überſtrahlenden Glorie erſcheinen, zu der ſie ſich beruſen und auserleſen fühlte. Der Gürtel, bit


