Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
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und gebankenloſer Langenweile. Sonntags muß man nicht das Muſeum beſu⸗ chen; dieſe ſchönen Kunſthallen ſind verpeſtet von der Hize, dem Staub und den verſchiedenartigen Gerüchen, welche von der in allen Gängen ſich bäufen⸗ den und drängenden Volksmenge verbreitet werden; begegnen wir auch hier und da einer ſchönen Dame aus der eleganten Welt, ſo erhöht dieſelbe mit ibren Salben und Parfüms durch augenbliklichen Wohlgeruch nur die unſerer Naſe ſogleich zurükkehrenden Leiden.

Auf dem Place de la Concorde ſehen wir eine ungewöhnliche Menge jener zweirädrigen Fuhrwerke mit einem Gaule, welche man hier allgemein Coucou's nennt und die ehemals vor der Erfindung und Einführung der Omni bus die einzige qualvolle Reſſource für den ehrlichen Bürgersmann waren, wenn er Sonntags mit ſeiner Familie eine Landpartie machen wollte. Heutzu tage hat die Zahl dieſer garſtigen, unbequemen Fuhrwerke ſich bedeutend ver ringert, und faſt ausſchließlich beſchränkt ſich jezt die niedere Volksklaſſe auf den Gebrauch derſelben. Die Alleen der Champs élysées werden Sonn tags von ſchwerfälligen Fiakern und Kabriolets und lahmen Miethgäulen, an ſtatt von eleganten Tilburis und Kutſchen und leichtfüßigen Engländern durch ſchnitten, und in den Seitengängen der Hauptallee drängt ſich eine tumul⸗ tuariſche Volksmenge, welche bald vor der Marionettenbude ſtillſteht, um den Kaſperle ſich mit der Kaze ſchlagen zu ſehen, oder verwundert anhält, wenn niedlich gepuzte Kinder in einem kleinen, von Ziegen gezogenen Wagen ſpa⸗ ziten fahren; die dike Mezgersfrau überzeugt ſich im Vorbeigehen, wie ſchwer ſie wiegt, und der Soldat kauft dem Quakſalber, der die gröbſten Späge macht, eine Salbe wider die Hühneraugen ab. Zahlreiche Banden von Muſt⸗ kanten laſſen ſich hören, und überall rufen und lärmen die Limonadenverkäufer und Marchands de Coco mit ihrer durchdringenden Stimme dazwiſchen: Mes- sieurs et Mesdames, qui est ce qui veut boire! demandez à boire!

Am originellſten iſt der Anblik der Hauptſtadt vor den Barrieren. Auf allen Straßen und Wegen ſtrömen die Leute aus den arbeitenden Volksklaſſen nach allen Seiten, in allen Richtungen dahin. Am beſuchteſten ſind die Bar riere de Belleville binter dem Faubourg du Temple, die Barrière du Trône hinter dem Faubourg Saint-Antoine, la Petite Villette hinter dem Fau- bourg Saint-Martin, die Barriere de Berry in der Nähe der Auſterlizbrüke, die Barriere du Maine hinter dem Obſervatorium u. ſ. f. Weiber, Kinder, Männer, Burſche und Mädchen drängen ſich gruppenweiſe und ziehen in fröh licher Redſeligkeit durch die Straßen nach dem Ziel ihrer heutigen Wanderung, Jeder Sonntag iſt hier ein Feſt, ein Jahrmarkt, eine Kirchweihe, ein Tag, gebenedeit vom Volke, verachtet von den Reichen und Vornehmen. Kleidung Eile, Geſprächigkeit und heitere Laune deuten auf etwas Außergewöhnllches. Man hat alle Mühe, gleichen Schritt zu halten mit dem rüſtigen Volke, das ſich drängt und ſtaͤßt und durch die verſchiedenen Faubourgs eilt, gleich als ob irgend ein Aufzug, eine Hinrichtung, ein Wunder zu ſehen, ein merkwürdiges

Thier zu ſchauen, eine Prinzeſſin einzuholen und eine hohe Herrſchaft zu be wundern wäre. In den Straßen der Faubourgs wimmelt es von Meuſchen; viele Spazirgänger kehren ſchon unterwegs ein-, zweimal im Wirthshauſe ein, um ſich durch einen Trunk für den weiten Gang zu belohnen oder ſich auf die Reiſe zu ſtärken.